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ZNet Kommentar
Verschwörungsfreier Konformismus
 25. September 2002
Von Dave Edwards

Chemielehrer haben ihre Studenten lange damit erfreut zu zeigen, wie nahezu perfekte symmetrische Strukturen erzeugt werden können, indem man eine große Zahl kleiner Kugeln in einen Kasten fließen läßt, wodurch zwangsläufig eine perfekte Pyramide produziert wird. Die Kugeln landen entweder in einer Pyramidenposition, oder fallen aus der Struktur heraus. Die entstehende Pyramide - wie in der natürlichen Welt gefundene Kristallstrukturen - erscheint jedem, als sei sie sorgfältig gestaltet worden; in der Tat ist das lediglich eine Folge des zufälligen Flusses von kleinen runden Objekten über einen viereckigen Rahmen.

Wir glauben, daß die Flut der Journalisten innerhalb der Rahmenbedingungen der korporativen Mainstream-Medien auf eine ziemlich ähnliche Weise für die bemerkenswert einförmigen Muster in der Mainstream-Berichterstattung verantwortlich ist. Wie wir in früheren Medienkritiken gezeigt haben, sind die korporativen Medien auf eine Weise strukturiert, die die Interessen staatskorporativer Macht ohne jegliche Verschwörung oder gar offene Einmischung schützt und fördert. Die Einheitlichkeit der Berichterstattung resultiert einfach aus der Interaktion der menschlichen Natur mit den Rahmenbedingungen des staatskorporativen Kapitalismus - Journalisten mit den richtigen Ansichten, Prioritäten und Zielen fallen automatisch an den richtigen Platz in der Medienpyramide, während andere herausfliegen.

Das bedeutet nicht, daß es keinen Dissenz im Mainstream gibt; im Gegenteil verlangt das System den Anschein von Offenheit. In einer scheinbar demokratischen Gesellschaft muß ein Propagandasystem gelegentliche Fälle des Widerspruchs integrieren. Mit kleinen Dosen von Wahrheit wird die Öffentlichkeit gegen die Bewußtwerdung der starren Grenzen der Medienfreiheit geimpft. Die aufrichtig dissidenten Artikel, die gelegentlich in den Mainstreammedien auftauchen, sind für das erfolgreiche Funktionieren des Propagandasystems genauso wichtig wie die enorme Masse des machtfreundlichen Journalismus. Dissidenten (eine winzige Zahl von ihnen) haben auch ihren Platz in der Pyramide - das Endergebnis ist jedoch eine allgemeine Anstrengung die öffentliche Meinung dahingehend zu formen, die Ziele staatskorporativer Macht zu unterstützen. Beachten Sie zum Beispiel die bemerkenswerte Konformität der Mainstream-Kritik an dissidenten Veröffentlichungen.

Im Guardian besprach der Kolumnist Roy Hattersley vor kurzem John Pilgers letztes Buch „Die neuen Herrscher der Welt“. Hattersley schrieb: „Aber obwohl seine Beschreibungen leuchtend farbig sind, sind seine Urteile voraussagbar schwarzweiß. Die Vorstellung, daß jene, die er herausstellt und denunziert, auch irgendein Verdienst haben könnten, hat nie in seinen Kopf Eingang gefunden.“ (‘Roy Hattersley über John Pilgers urteilenden Journalismus ‘, im Guardian, 20. Juli 2002)

Das ist nicht weiter erstaunlich, könnte man denken. Aber beachten Sie jetzt die einzige weitere Rezension von Pilgers Buch seit seinem Erscheinen am 20. Mai im britischen Mainstream. Im New Statesman schreibt Stephen Howe über Pilger: „Es gibt nur wenig Licht und Schatten in seinem Weltbild. Keine Situation ist moralisch mehrdeutig, keine Geschichte ist komplex und umkämpft. Es gibt nur Helden (der Titel eines seiner vorigen Bücher) und Verbrecher . „(Howe, ‘eine bittere Tablette’, im New Statesman, 24. Juni 2002)

Joe Joseph von der Times hat eine ähnliche Ansicht von Pilgers Arbeit: „Die Welt ist nach Pilger reichlich schwarz und weiß: seine journalistische Retina erkennt keine Grauschattierungen . „(Joseph, ‘Ansichten über den Irak von moralisch hoher Ebene’, Times, 7. März 2000)

Kanal 4 Nachrichtensprecher Jon Snow wiegelt ab: „Manche behaupten, der Zweck heiligt die Mittel, andere, daß die Welt ein subtilerer Ort sei, als er [Pilger] erlaubt“. (Snow, ‘Immer noch böse nach all diesen Jahren,’ 25. Februar 2001)

Natürlich ist es möglich, daß diese Ansichten lediglich den vernünftigen Konsens wiedergeben - es könnte ein Konformismus sein, der sich nicht auf politische Rahmenbedingungen, sondern auf allgemeiner Vernunft gründet. Woanders hinwendend entdecken wir jedoch die Besprechung eines von Chomskys neuen Büchern durch Steve Crawshaw. Der Titel von Crawshaws Artikel klingt sonderbar vertraut: „Wütende Ideen ohne Platz für Nuance“. (Crawshaw, the Independent, 21. Februar 2001)

Crawshaw nimmt einen merkwürdigen Widerspruch in Chomskys Arbeit wahr: „Chomsky weiß so viel, aber er scheint für jegliche Differenzierung unzugänglich“. Wie Pilger leidet auch Chomsky an einer „schwarzweißen“ Sicht der Welt. Seine Kritik des NATO-Bombenangriffs auf Serbien verwerfend und wie ein Echo von Hattersley und Howe, verbreitet sich Crawshaw: „Fehlgeleitet ist [für Chomsky] nicht genug, die Politik muß ganz einfach böse sein“.

Im Guardian bemerkte Martin Woollacott zu Chomsky: „Jenen, die die amerikanische Politik leiten, ... wird keine Reue, keine Moral, keine Gefühle erlaubt, und wenn sie ihre Politik ändern, scheinen sie es aus ganz machiavellistischen Gründen zu tun ... [Chomsky] scheint die Komplexität menschlicher Angelegenheiten durch die Errichtung einer zu starren Antithese zwischen einer per se amoralischen Elite und einer per se moralischen Masse zu leugnen.“(Woollacott, ‘Erlöse uns von dem Übel’, der Guardian, 14. Januar 1989)

Pilger leidet an derselben Behinderung, wie Hattersley notiert: „Pilger kann seine Kritik und seine Verdammungen nie an dem Punkt beenden, wo die meisten Leute es für vernünftig halten würden“. Implizit (und oft explizit) in diesen Besprechungen taucht die Annahme auf, daß sowohl Pilger wie Chomsky Opfer der Scheuklappenwirkungen ihres Zorns sind: Chomsky mit seinen „wütenden Ideen“; Pilger, „Immer noch böse nach all den Jahren“, mit Argumente, die „unfangreicher an Ärger als an Analysen“ sind. (Howe)

Ein anderer unseren bekannten Dissidenten, Harold Pinter, ist mit denselben Flüchen belastet. Im Observer schreibend, zitiert Jay Rayner Timothy Garton Ash: „Er [Pinter] hat diese schrecklich einfallsreiche Vision einer Welt, in der alles stimmt.“ (Rayner, ‘Pinter der Unzufriedene’, der Observer, 16. Mai 1999) Wieder ist der Zorn schuld: „Der späte Pinter handelt nur von Krach und Wut“ notiert Rayner. Wieder und wieder mit bemerkenswerter Übereinstimmung folgen ‘liberale’ Journalisten derselben Linie - dissidente Schriftsteller vollbringen große Leistungen, aber ihre Arbeit wird von ihrem Zorn, ihren Scheuklappen und ihren schwarzweißen Ansichten der Welt auf fatale Weise entstellt.

Warum reproduzieren Journalisten dieses Muster stetig? Wieder könnte es einfach so sein, daß sie recht haben. Aber jeder der Pilger und Chomsky gelesen hat, wird betroffen sein von all der ruhigen, mächtigen und klaren Logik ihrer Analysen - Vitriol wird sicher hinzugefügt, aber oft mit Humor oder der Wirkung wegen (als Versuch, uns aus unserem Mainstream-Schlaf aufzuwecken) - nie gibt es Grund zu der Annahme, daß ihr klarer Verstand von Zorn verzerrt sei. Was Dissidenten wie Pilger und Chomsky sagen, ist so völlig dem was die meisten Leute glauben entgegengesetzt, und auch dem was viele Leute +wollen+ daß es geglaubt wird, daß sie von der Öffentlichkeit und den Kritikern sofort als Irre abgetan werden, und zwar wegen ihrer äußerst wirksamen Argumente. Dissidenten wissen das natürlich nur zu gut, weshalb der Standard ihrer Berichterstattung allgemein viel höher ist als die Machwerke der Medienschelte, über die ein Medieninsider uns sagte, „wirklich, einfach nur draufprügeln“. Aber konventionelle Journalisten, die die Interessen der Mächtigen und Privilegierten unterstützen, haben nichts zu fürchten - sie wissen, daß sie mit journalistischem Mord unbeschadet durchkommen.

Die wirkliche Erklärung für den scheinbaren Widerspruch in den Mainstream-Rezensionen ist in der Tatsache zu finden, daß Autoren wie John Pilger, Noam Chomsky, Ed Herman, Gore Vidal und andere die Wahrheit sagen, aber sie sagen eine Wahrheit, die den „notwendigen Illusionen“ der Gesellschaft, einschließlich der Mediengesellschaft widerspricht. Das Problem der „Journalisten die dazugehören“ ist, daß Dissidenten mit unbestreitbar klarem Verstand schreiben, ihre Argumente werden von einem enormen Aufwand äußerst glaubwürdiger Quellen gestützt. Deshalb kann ihre Arbeit nicht einfach als Unsinn abgetan werden.

So schreibt Hattersley: „Die Brillanz von John Pilgers Bericht ist oder sollte über allem Zweifel erhaben sein.“ So schreibt Crawshaw „Chomsky weiß so viel“. So schreibt Woollacott von Chomskys „seltener Kombination von moralischer Vision und intellektueller Strenge“.

Da ist auch die Tatsache von Chomskys und Pilgers Beliebtheit in der Öffentlichkeit - der Öffentlichkeit, der die Medien angeblich dienen. Chomsky ist der weltweit meistgelesene Autor für internationale Politik. Von seinem Buch „9-11“ wurden weit über 100.000 Exemplare verkauft, trotz der endlosen Verleumdungen und Nichtbeachtung seiner Arbeit. Pilgers letztes Buch stand auf drei Bestsellerlisten - einschließlich der des Guardian - obwohl er nur zweimal in nationalen Medien rezensiert - und verleumdet - wurde. Die Journalisten müssen diese Erfolge anerkennen, wenn sie ihre Glaubwürdigkeit zu wahren wollen.

Aber die strukturellen Forderungen des Mainstreams sind derart, daß es für Rezensoren reine Torheit wäre, jene besonders zu unterstützen, die mit aller Kraft die Täuschungen offenlegen, von denen der Mainstream selbst abhängt. Derart in einem erstaunlichen Selbstwiderspruch redet Hattersley von Pilgers Brillanz, aber schreibt dann „Die neuen Herrscher [sic] zu lesen, macht es leicht zu verstehen, warum so viele Leute sagen: ‘Wenn Pilger dafür ist, bin ich dagegen.’“ Das kommt daher, erklärt Hattersley, weil Pilger „recht hat aber er nervt.“

Es wäre wert, zu prüfen, was dahinter steckt. Abgesehen von der Frage, auf welche Meinungsumfragen Hattersley sich bezieht, wenn er von „so vielen Leuten“ redet, die Pilgers Arbeit zurückweisen, (tatsächlich meint er natürlich die politischen und Medieneliten, wo er mitmischt) sei zu bedenken, daß Pilger im britschen Mainstream wegen der vorurteilsfreien Kraft seiner tiefen und umfassenden Kritiken ziemlich einzigartig ist. Beispielsweise hat Pilger unermüdlich auf die westliche Verantwortung für den Völkermord im Irak hingewiesen, während der Guardian, der Observer, der Independent, BBC und ITN dafür völlig blind waren.

Angenommen daß Pilger einer der wenigen Journalisten ist, die bereit sind, glaubwürdige Beschuldigungen für unsere Verantwortung am Völkermord zu publizieren, welcher zurechnungsfähige Mensch würde auf seine Bemühungen mit der Feststellung antworten, daß er „recht hat, aber er nervt“? Wenn am 10. September ein einsames Individuum in die FBI-Büros geplatzt wäre und höchst  glaubwürdige Beweise für einen bevorstehenden Terrorangriff gegen Tausende von Zivilisten im Welthandelszentrum vorgelegt hätte, was hätten wir mit dem gemacht, der antwortet, daß er „recht hat, aber er nervt“?

Wir würden annehmen, daß sie von der Realität menschlichen Leidens und der Idee, daß wir verantwortlich sind etwas zu tun, völlig entfremdet sind. Aber Pilger hat schon lange eine vergleichbare Rolle des Warners vor unendlich größeren Schrecken eingenommen, die +jetzt+ in unserm Namen im Irak und überall in der Welt begangen werden.

Um ihren Platz in der Pyramide behalten, müssen Mainstream-Journalisten die ‘irrationalen’ und ‘extremen’ Ansichten jener, die gerade für ihren klaren Verstand und ihre Objektivität bekannt sind, bezweifeln. Sie müssen zugeben, daß es zwar Leistungen in der Arbeit der Dissidenten gibt, aber sie müssen auch ein Schlupfloch für die Herausgeber und anderen Journalisten schaffen, die solche Arbeit mit Verachtung behandeln. ‘Ja, Chomsky hat etwas geleistet, aber das geht zu weit - wir können solche Art verzerrter Ansichten nicht mehr publizieren.’ ‘Ja, Pilger ist brilliant, aber es ist so ärgerlich - wir können das nicht ertragen’. Trotz seiner enormen Beliebtheit in der Öffentlichkeit ist Pilger seit 1999 gerade viermal im Guardian erschienen, einmal im Observer und nicht einmal im Independent. Vor kurzem hat Pilger zur Beschämung der ‘ernsten’ Blättern begonnen ein begeistertes Publikum durch eine Boulevardzeitung, den Daily Mirror, zu erreichen.

Chomsky wird von Guardian/Observer mit vier veröffentlichten Artikeln seit September 1998 (mit nur einem seit Oktober 1999) beinahe gänzlich ignoriert. Er ist seit Januar 1999 einmal im Independent erschienen und wird von BBC-TV, ITV und Kanal 4 ignoriert. Zahlen wie diese spotten der Idee einer freien Presse. Andere große Autoren wie Edward Herman und Howard Zinn scheinen dem britischen Mainstream völlig unbekannt zu sein.

Wir wollen uns klar darüber sein, daß Leute wie Chomsky und Pilger darum glänzend sind, weil sie die Fähigkeit haben Beweise aus äußerst glaubwürdigen Quellen zu recherchieren und zu präsentieren.  Aufgeschlossene Leser stellen fest, daß solche Beweise die von der staatskorporativen Macht verbreiteten Illusionen vernichten - die Persönlichkeiten und Emotionen der Dissidenten sind untergeordnete Fragen bei diesen grundlegenden Leistung. Die jahrelangen beleidigenden Vorbehalte sind eine Lüge, eine Ausrede, eine notwendige Verleumdung, auferlegt letztlich von den Rahmenbedingungen der korporativen Medien, wie sie innerhalb der staatskorporativen kapitalistischen Gesellschaft funktionieren.

David Edwards ist Mitherausgeber von „Media Lens“.  Bestellen Sie kostenlose Infos unter www.medialens.org
 


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