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Uri Avnery:
Die Schiffe auf dem Weg
12.01.2002

Die Chefs der drei großen Parteien in Israel - Likud, Arbeiterpartei und Armee - saßen auf der Bühne. Sie waren frustriert. Sie wußten schon, daß es ihnen nicht gelungen war, die große Show zu verkaufen, die sie mit soviel Mühe vorbereitet hatten: die Aufbringung eines im Auftrag des verabscheuungswürdigen Arafat mit Waffen beladenen Schiffs . Eine heldenhafte Aktion, in der Tat, eine Sekunde Entebbe.

In einer Hinsicht hatten sie Erfolg: zu zeigen, daß die Grenzen zwischen den drei Machtzentren verschwunden sind. Ihre Chefs könnten leicht ausgetauscht werden - Ben Eliezer zum Likud, Mofaz zur Arbeiterpartei, Sharon zum Militär - ohne irgendwas zu ändern. Wie die christliche Trinität, drei sind eins - Vater, Sohn und heiliger Geist.

Die Eroberung des Schiffes wurde als eine sublime Tat des Mutes bezeichnet. Die Soldaten einer Eliteeinheit mit der fortschrittlichsten technischen Ausrüstung der Welt überwältigten 13 verschlafene Seeleute auf hoher See. Das war weniger gefährlich als der Job von drei Beduinensoldaten nahe dem Gazastreifen. Wenn General Mofaz uns sagen muß, daß dies ein Entebbe äquivalentes Kommando war - eine mutige und ausgefeilte Aktion - zeigt dies, daß das Niveau der IDF unter seiner Führung sehr nachgelassen hat.

Es ist klar, daß die Armee alle Bewegungen des Schiffs kannte. Seit wann? Gute Frage. Vom Moment, als die Waffen geladen wurden? Schon von dem Moment an, als das Projekt entschieden wurde?

Es ist auch klar, daß die Information von eng an der Aktion beteiligten Agenten geliefert wurde. Aber wo? Im Hizbollah Hauptquartier? Im Iran? Unter den Waffenhändlern? Auf dem Schiff selbst? Und wenn es auf dem Schiff einen Kollaborateur gab, wen?

Das Benehmen des Kapitäns ist, vorsichtig ausgedrückt, eigenartig. Er verließ seinen Kurs, um der israelischen Regierung entgegenzukommen. Volle Kooperation. Wann begann das? Erst als er gefangengenommen wurde? Oder gar lange zuvor?

Der Kapitän war glücklich, den israelischen Reportern, ausgesuchten Lieblingen der Armeeführung, die ihren Teil in der Show spielten, alles sagen zu können. Während des Abends sah ich den Kapitän dreimal im Fernsehen. Beim ersten Mal sah ich etwas, das später weggelassen wurde. Am Ende des Interviews bat der Kapitäns: "Sagen Sie meine Tochter, ich bin ein Kämpfer!" Dann brach er in Tränen aus und versteckte sein Gesicht in den Händen. Was verursachte diesen Ausbruch? Hat er Angst, daß seine Tochter ihn für einen Kollaborateur hält? Einen Verräter?

Der Kapitän sagte, daß er die Ware auf See gegenüber der iranische Küste erhalten habe, und daß er sie über das Meer schaffen sollte, zur ägyptischen Küste. Wenn das stimmt, wie konnte er wissen, für wen die Waffen bestimmt waren? War ihm es gesagt worden? Das ist seltsam, wenn man bedenkt, daß die Eigentümer der Fracht ihm nicht vertrauten. Und wenn sie ihm etwas sagten, woher wissen wir, daß sie ihm die Wahrheit sagten?

Die Ayatollahs haben überhaupt kein Interesse, Arafat zu bewaffnen, einen weltlichen Führer, den sie zu destabilisieren suchen. Aber sie haben großes Interesse daran, seine islamischen Opponenten zu bewaffnen - Hizbollah, Hamas und Jihad. Es ist logisch anzunehmen, daß die Waffen für sie bestimmt waren.

Aber wie? Die kurze palästinensische Küstenlinie vor dem Gazastreifen ist hermetisch abgeriegelt. Die israelische Seeblockade ist undurchdringlich. Sollten Fischer vom Gaza die Waffen unter der Oberfläche des Meeres finden und sie unter den wachsamen Augen der israelischen Marine an Land ziehen? Hört sich ziemlich lächerlich an.

Die ganze Geschichte ergibt keinen Sinn. Ist höchst unwahrscheinlich. Zumal dies alles pünktlich genau dann geschah, als Anthony Zinni im Land war, um eine Feuereinstellung zu verfügen, was Sharon hartnäckig ablehnt (weil es ihn verpflichten würde, alle Siedlungstätigkeiten einzufrieren). Hokus Pokus - und hier ist ein neuer Vorwand den Krieg gegen Arafat fortzusetzen.

Es scheint, daß der Amerikaner denselben Verdacht hatte. Es kostete die israelische Propagandamaschine - bei weitem die beste der Welt - größere Bemühung, Präsidenten Bush dazu zu überreden, Sharons Version zu unterstützen. Am Ende war er fast überzeugt. Fast.

Aber lassen Sie uns für einen Moment annehmen, daß die ganze Geschichte wahr ist. Lassen Sie uns annehmen, Sharon erfüllte nach einer Verzögerung von 50 Jahren Ben Gurions öffentlich erklärten Wunsch, er möge bitte aufhören zu lügen. Lassen Sie uns auch annehmen, daß Ben Eliezer sich darin gewandelt hat, die Wahrheit zu sagen, und daß Mofaz wieder ein richtiger Soldat geworden ist. Lassen Sie uns annehmen, daß es wirklich Arafats Schiff war.

Na und?

Ehud Barak sagte einmal, daß, wenn er ein junger Palästinenser gewesen wäre, hätte er sich einer Terroristenorganisation angeschlossen. Man könnte hinzufügen: Wenn Barak zu jener Zeit Führer des palästinensischen Volkes gewesen wäre, hätte er alles nur Mögliche getan, Waffen anzuschaffen, mehr und mehr Waffen.

Wie Balaam in der Bibel begannen Sharon & Co. zu fluchen und endete damit, zu loben - soweit es die Palästinenser betrifft. Arafat sitzt in Ramallah, umgeben von israelischen Panzern, deren Kanonen aus 300 Metern Entfernung nach den Fenstern seiner Zimmer zielen. Und was tut er? Statt zu erschaudern oder zu flüchten, importiert er moderne Antipanzerwaffen um die Panzer zu zerstören (wie es seine Kämpfer 1975 in den Gassen von Sidon taten, als sie eine syrische Panzerkolonne zerstörten).

Es gibt einige palästinensische Intellektuelle wie Edward Said, die behaupten, daß Arafat ein Kollaborateur, ein Subunternehmer von IDF und Shin-Bet geworden sei. Einige gute Leute, sowohl Palästinenser wie Israelis, haben Millionen von Wörtern über die zügellose Korruption der Palästinensischen Behörden geschrieben. Sie haben wieder und wieder gefragt: Wohin geht das Geld? Warum gibt es keine Transparenz? Wie kommt es, daß nur Arafat und eine winzige Gruppe seiner Vertrauten von den geheimen Konten im Ausland wissen? Jetzt kommt Mofaz an und sagt: Die Millionen wurden für Waffen ausgegeben. Bald wird Mofaz die palästinensischen Bilanzen publizieren, Transparenz auf seine eigene Rechnung.

Arafat ist an einer Feuereinstellung interessiert und unternimmt deshalb große Anstrengungen sie durchzusetzen. Zu diesem Zeitpunkt liegt es im palästinensischen Interesse. Viele Palästinenser sagen ganz richtig, daß Hamas und Jihad durch den Bruch der Waffenruhe nur Sharon dienen.

Aber Arafat weiß voll und ganz, daß Sharon eine Waffenruhe nicht akzeptiert, und daß er, wenn er gezwungen wird, sie zu akzeptieren, sie bei der nächstbesten Gelegenheit bricht um weiter Siedlungen zu bauen. Früher oder später nimmt Mofaz seine totale Offensive wieder auf. Um solch einem Angriff standzuhalten braucht Arafat Waffen, viele Waffen. Panzerabwehr- und Flugabwehrwaffen sowie Langstrecken-Katyushas als Abschreckung. Die israelische Behauptung, daß Arafat genau diese Waffen kaufte, wird sein Ansehen unter den Palästinensern himmelhoch heben und seine Position als ihr unbestrittener Führer stärken. Nie zuvor ist er "relevanter" gewesen.

In den Mitt-40ern, als Schiffe mit illegalen Immigranten über die Meere fuhren und eine große Waffe in unserem Kampf gegen die englische Verwaltung von Palästina waren, schrieb der Dichter Nathan Alterman ein Lied, das zur Kampfhymne für eine ganze Nation wurde: "Hier in der kalten, standhaften Nacht, / die Nacht von Gefahr und Not, / hier in den kleinen Schiffen, Kapitän/ In den Schiffen, die auf dem Weg sind!" Vielleicht zeichnet ein palästinensischer Dichter jetzt eines ähnliches Lied auf.

So sieht es für die Palästinenser aus. Die Israelis sind natürlich froh, daß die Waffen ihr Ziel nicht erreichten, wo immer das war. Aber es gibt keine Macht auf Erden, die ein Volk, das glaubt um sein Leben und seine Existenz zu kämpfen, am schmuggeln von Waffen hindern kann. Wirklich, in unserem eigenen Befreiungskrieg schmuggelten wir Waffen auf jede nur denkbare Weise, besonders während der Zeiten des Waffenstillstands.

Kein Krieg hat nur eine Seite. Früher oder später finden die Palästinenser Möglichkeiten Panzer zu zerstören und Hubschraubern und Kampfflugzeuge anzugreifen.

Es geht darum, Frieden zu machen, bevor das geschieht.

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From: Gush Shalom
Date: Mon, 14 Jan 2002 00:59:39 +0200

Übersetzung: Herrmann Cropp
 


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