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Interview in der "Jungen Welt":
Der rote Lebrecht als "brauner Hund"?
Die Tageszeitung "junge Welt" veröffentlichte am 8. Dezember ein Interview mit unserem Nahost-Korrespondenten Hans Lebrecht, in dem er auf Angriffe der Zeitschrift "konkret" antwortet. Mit freundlicher Genehmigung der jW-Redaktion drucken wir das Gespräch nach.
jW: Die Zeitschrift "konkret" greift Sie seit Monaten an. Im Dezember-Heft werden Ihre Artikel mit der Nazi-Website "National Journal" für kompatibel erklärt. Warum agitiert "konkret" gegen Sie?
Hans Lebrecht: Weil ich im strengen Sinne ausgewogen über den israelisch-palästinensischen Konflikt berichte.
jW: Haben Sie sich an die Redaktion gewandt?
H. L.: Im August. Mit sachlichen Einwänden gegen ihre Polemik. Sie hat aber meinen Brief nicht gedruckt und auch sonst nicht reagiert.
jW: Worin sehen Sie die Hauptdifferenzen?
H. L.: Meine Position ist, dass die Palästinenser nichts anderes tun, als von dem in der Charta der Vereinten Nationen festgeschriebenen Widerstandsrecht gegen Besatzungsregime Gebrauch zu machen, auch wenn sie die kolonialistischen und zum Teil bewaffneten "Siedler" angreifen. Denn diese Israelis, die ihre Pflöcke widerrechtlich in fremden Boden eingeschlagen haben - heute doppelt so viele wie 1993, dem Jahr des Osloer Prinzipienabkommens - sind Bataillone des staatlichen Expansionismus. "konkret" dagegen kriminalisiert den Kampf der Palästinenser gegen die israelischen Okkupanten und schämt sich nicht - ein linkes Blatt! - ihr Bild auch latent rassistisch zu verzeichnen.
jW: Ein Beispiel?
H. L.: Wie Herr Gremliza im Novemberheft das Verhalten der Palästinenser interpretiert, wenn es auf ihrer Seite Tote gibt, das ist Herrenrassenmeinung. Dass es Tote gibt, haben sie sich natürlich selber zuzuschreiben. Die israelischen Soldaten verteidigen sich nur, "schießen erst warnend in die Luft". Eine derartig beschönigende Darstellung des Militärs findet sich in der israelischen Presse nicht.
jW: Sie gehen mit "konkret" offenbar auch nicht in der Beurteilung der Hisbollah konform? Verteidigen Sie die Hisbollah?
H. L.: Ich verteidige lediglich ihr Widerstandsrecht, das doch nach der UN-Charta allen Menschen zusteht, die unter einer fremden Besatzung leben, egal welcher politischer Couleur. Mir wäre es natürlich auch lieber gewesen, wenn die libanesische KP den Abzug der Israelis aus dem Südlibanon zuwege gebracht hätte oder die linke volkstümliche AMAL-Bewegung. Aber ich kann doch nicht deswegen gegen diesen völkerrechtlich zwingenden Rückzug sein, weil er in erster Linie von der islamisch-fundamentalistischen Hisbollah erkämpft worden ist.
jW: Sind Hisbollah und Hamas nicht sogar zeitweilig von den Israelis finanziert worden, um die PLO zu schwächen?
H. L.: So ist es. Die wechselnden israelischen Regierungen haben immer die ihnen von den USA zugewiesene Aufgabe gehabt und erfüllt, linke Bewegungen niederzuhalten - und nicht nur innenpolitisch gesehen. Israel hat z. B. das Pinochet-Regime unterstützt. Gleichwohl sind israelische Regierungen für "konkret" "Antifa-Regime"; definitionsgemäß sozusagen. Darüber kann ich nur bitter lachen.
jW: "konkret" empört sich, dass Sie von "jüdischen Klerikalfaschisten" sprechen. Wen meinen Sie damit?
H. L.: Die Kahane-Chai-Bande zum Beispiel. Offiziell verboten, gleichwohl immer noch aktiv und in den "Siedlungen" mit Rückendeckung der israelischen Besatzer. Diese Bande hat mehrfach Palästinenser so zu Tode gelyncht wie diese kürzlich Israelis in Ramallah. Daran habe nicht nur ich in meinen Berichten über die schrecklichen Morde in Ramallah erinnert, diesen Zusammenhang haben auch mehrere angesehene israelische Tageszeitungen hergestellt.
jW: "konkret" bestreitet, dass Israelis zu so etwas fähig sind.
H. L.: Man wirft mir praktisch Greuelpropaganda vor. Das erinnert mich an etwas: Es war im Sommer 1933. Mein Riegenführer im Turnerbund Ulm, der Polizist H. S., hatte kurzzeitig im württembergischen "Schutzhaftlager" Heuberg Dienst tun müssen. Er kam entsetzt zurück, gab seinen Beruf auf und berichtete uns auf einem Heimabend von den miterlebten Gewaltakten der SS. Zu Hause will ich aufgewühlt davon erzählen - und mein Vater ohrfeigt mich: "Ich will hier in meinem Hause keine Greuelmärchen hören."
jW: Sie haben mehrfach auf das Dritte Reich Bezug genommen, aus Ihrer Lebensgeschichte heraus einleuchtend.
H. L.: Ich vergleiche Israel nicht mit dem Dritten Reich, wenn es das ist, was Sie meinen. Israel verhält sich den Palästinensern gegenüber wie eine typische bürgerliche Kolonialmacht. Und solange ist der Konflikt nicht zu lösen. Oder anders herum: Würde Israel seine zionistischen Eroberungspläne wirklich begraben, wäre die Lösung nicht schwer. Der Judenhass der Palästinenser ist doch nicht genetisch bedingt, wie konkret insinuiert.
jW: Aber gibt es Druck von unten? Eine israelische Friedensbewegung - existiert die überhaupt noch?
H. L.: Für "konkret" natürlich nicht. Aber wir sind da und wir werden stärker.
jW: Mit "wir" meinen Sie die 1992 von Uri Avneri gegründete jüdisch-arabische "Gusch Schalom", in der Sie aktiv sind, obwohl sich die KP-Führung an die "Frieden jetzt!"- Bewegung angelehnt hat ...
H. L.: ... deren Führer zum Teil in den sogenannten Friedensregierungen saßen. Die ist zionistisch beeinflusst, und von der ist nicht mehr viel zu erwarten.
jW: Was will die "Gusch Schalom"?
H. L.: In Stichworten: Rückzug Israels aus allen im Juni 1967 besetzten Gebieten, Evakuierung der "Siedler", die nicht palästinensische Bürger werden wollen; Respektierung des Rechts der Palästinenser auf einen eigenen Staat mit Ostjerusalem als Hauptstadt.
jW: Noch ein letztes Wort zu "konkret"?
H. L.: Die Redaktion hat zu recht das Hamburger (Reemtsma-)Institut für Sozialforschung bekämpft, weil es die Totalitarismustheorie reaktiviert hat. Aber mit ihrer Anti-Antisemitismus-Kampagne stellt sie sich faktisch dem Institut an die Seite. Der rote Hans Lebrecht wird so oder so zum braunen Hund.
Das Gespräch führte Doris Kachulle - unsere zeit - Zeitung der DKP 15. Dezember 2000 jW-Interview
http://www.commpress.de/3250/s0804.htm