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Uri Avnery: Und wer ist relevant?
22.12.2001

Das Jahr 2001 geht zu Ende, aber im letzten Moment wird ein neues Wort - ein lateinisches - in das hebräische politische Lexikon geschrieben: "irrelevant".

Dies ist eine neue Phase im tödlichen Duell zwischen den beiden sowohl erfahrenen wie schlauen Altgladiatoren Ariel Sharon und Yasser Arafat. Sharon hat erklärt, daß Arafat "irrelevant" ist. Arafat ist wieder hochgekommen und hat durch eine Rede die Weltaufmerksamkeit auf sich gelenkt. Die ganze Zeit, während Sharons Panzer hundert Meter von Arafats Büro geparkt waren, zielten ihre Kanonen auf seinen Kopf.

Wenn Sharon sich vorstellte, daß Arafat davonlaufen oder um sein Leben bitten würde, kennt er den Mann nicht. 1982 traf ich ihn im belagerten West-Beirut während der schweren Bombardierungen, als Hunderte von Sharons Agenten nach ihm suchten, um ihn zu töten. Er war in gehobener Stimmung und glänzender Verfassung.

Wenn Arafat sich vorstellte, daß er Sharon durch die Rede entwaffnen und ihn veranlassen würde innezuhalten, kennt er den Mann nicht. Sharon hört nie auf. Wenn er auf ein Hindernis stößt, geht drumherum. Wenn er nicht beim ersten Versuch bekommt, was er will, wartet er und versucht es wieder und wieder und wieder.

Wenn der israelisch-palästinensische Konflikt der Zusammenprall zweier großer historischer Bewegungen ist, sind Sharon und Arafat ihre hervorragendsten Vertreter. Sharon ist der ultimative Zionist. Arafat ist die Verkörperung der palästinensischen Nationalbewegung.

Dies ist eine Kollision einer unwiderstehlichen Gewalt mit einem unbeweglichen Objekt.
Auf der einen Seite, Zionismus, dessen eigentliches Ziel ist, alles Land zwischen dem Mittelmeermeer und dem Jordan (mindestens), welches auf Hebräisch "das Land Israel" heißt, in einen homogenen jüdischen Staat einzugliedern. Dies soll durch eine "Strategie von Phasen" erreicht werden - eine zionistische Methode, und die Siedler führen es aus.

Die andere Seite ist der palästinensische Nationalismus, dessen Ziel die Errichtung eines unabhängigen palästinensischen Staates auf palästinensischem Land ist. In Ermangelung von Alternativen haben die Palästinenser 78% des Landes zwischen Jordan und Mittelmeermeer aufgegeben, das sie Filastin nennen, und die Intifada dient dem Zweck, die andere 22% zum Staat Palästina zu machen.

Als Sharon an die Macht kam, zeigte er sich als der hilfsbereite Großvater, der Schafe und Kinder liebt, und dessen einzige Begierde ist, in die Geschichtsbücher als der Mann, der diesem Gebiet Frieden und Sicherheit brachte, einzugehen. Das war ein erfolgreicher Betrug im Sinn von "Krieg durch Kunststücke". Die israelische Öffentlichkeit, die Frieden will und sich nach Sicherheit sehnt, glaubte ihm und wählte den israelischen De Gaulle, den alten General, der seine besten Gefährten in Kampf verloren hat und versteht, daß nichts wertvoller als Frieden ist.

Für Leute, die Sharon kennen, war es ebenso traurig wie erschreckend anzusehen: eine naive Öffentlichkeit folgt dem Rattenfänger.

Sharon interessiert sich, verdammt noch mal, weder für Frieden noch für Sicherheit. Für ihn sind das Zeichen von Schwäche und Degeneration. Vom dem Moment an, als er an die Macht kam, hatte er ein völlig anderes Programm: die Oslo-Vereinbarung zu zerstören, die palästinensischen Behörden und ihre bewaffneten Kräfte zu beseitigen, der Siedlerbewegung einen neuen Anstoß zu geben. Für diesen Zweck, um seine wahren Pläne vor den Augen der Welt zu tarnen, erwarb er Shimon Peres billig, und startete die große Kampagne. (Tatsächlich hatte er sie schon früher gestartet, als er zum Tempelberg ging und das Feuer entzündete.)

Jene, die behaupten, daß "Sharon keinen politischen Plan hat", liegen ganz falsch. Er hat einen klaren Plan: um mit der Offensive fortzufahren und die palästinensische Führung zu liquidieren, um den Geist des palästinensischen Volkes zu brechen, bringt er Hamas an die Macht, so daß er sagen können wird, daß es niemand zum reden gibt. Er glaubt, daß die Palästinenser schließlich aus dem Land flüchten (wie 1948) oder sich mit einem Leben in mehreren isolierten und umschlossenen Enklaven (wie südafrikanische Bantu) abfinden.

Angesichts dieses heftigen Angriffs greift Arafat zur klassischen palästinensischen Strategie: Sumud (Standhaftigkeit). Überleben. Nicht bewegen. Nicht ergeben. Nicht sich in einen Bürgerkrieg ziehen lassen. Die dürftigen Mittel seines Arsenal einsetzen - politischen Aktion, Diplomatie, Gewalt in veränderlichen Dosen, um seinen Leuten zu ermöglichen durchzuhalten. Sein größtes Vermögen ist die Fähigkeit seiner Leute, Strafen zu absorbieren, was die israelischen Generäle verrückt macht vor Frustration.

Der Kampf ist weit von seinem Ende. Ich glaube, daß es mit einem Loseziehen endet - keine schlechte Leistung für die schwächere Seite. Und die Ziehung führt zwangsläufig zu einem historischen Kompromiß.
 


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