Zu den Terrorangriffen vom 11.9.2001
                                                                             Texte der neuen amerikanischen Linken / ZMagazin
                                                                             die ersten 4 Übersetzungen sind von Herrmann Cropp
                                                                        .... weitere Übersetzungen aus dem ZMagazin folgen!
Inhalt dieser Seite:
Herrmann Cropp: Opposition in USA
Christian Sigrist (Interview): Dezentraler Terrorismus (gekürzt, vollständig später)
Tariq Ali: Eine politische, nicht eine militärische Lösung ist erforderlich
Uri Avnery: Twin Towers, 15. September 2001
Edward S. Herman: Die da draußen haben einen "Widerwillen gegen die Westliche Zivilisation und ihre
    Kulturellen Werte", (13,9,2001)
Der Schwarze Radikale Kongreß: Die Terror-Attacken vom 11. September 2001
Michael Albert: Unheilvolle Perspektive - Erste und Dritte Welt sind näher zusammengerückt. (13.09.2001)
Noam Chomsky : Ein Geschenk für die Rechte - Zu befürchtende Folgen der Bombenangriffe in den USA
Howard Zinn: RACHE

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Herrmann Cropp: Opposition in USA

Es gibt eine Opposition in Amerika, eine radikale Opposition, die bis auf zwei, drei Namen hierzulande gänzlich unbekannt ist, aber diese Opposition hat viele Stimmen, und die Stimmen schweigen nicht, grade jetzt nicht! Aber ihre Nichtbeachtung im kommerziellen Medienbetrieb sowohl jenseits des Atlantiks, wie auf unserer Seite hat System, ein opportunistisches, geldgeiles, zensorisches System! Deshalb wollen wir sie in Contraste veröffentlichen, und soweit nicht hier abgedruckt, findet ihr die Volltexte auf unserer Homepage oder als Sonderdruck(*). Im folgenden möchte ich einen Überblick aus den Kommentaren verschiedener Autoren geben:

In seinem Text, zwei Tage nach dem Anschlag, befaßt sich Edward Herman, zeitweiliger Weggefährte von N. Chomsky, mit der parteiischen Berichterstattung der New York Times. Er schreibt unter anderm: "Eine der unverwüstlichsten Eigenarten der US-Kultur ist die Unfähigkeit oder Weigerung, US-Verbrechen zu erkennen. Die Medien haben lange gefordert, daß die Japaner und Deutschen ihre Schuld zugeben und Wiedergutmachung zahlen. Aber die Idee, daß dieses Land selbst gewaltige Verbrechen begangen habe, und es sein kann, daß gegenwärtige Ereignisse wie die Welthandelszentrums- und Pentagonangriffe als Antworten auf jene Verbrechen anzusehen sind, ist fast nicht erlaubt. Im Leitartikel zu den jüngsten Angriffen (12,9,01) weist die New York Times zwar auf das Ende des kalten Kriegs und den "wiederauflebenden ethnischem Haß" hin, aber daß die USA und die NATO zu diesem Wiederaufleben mit ihren eigenen Taten beitrugen (z.B. die Sowjetunion zu demontieren und die russische "Reform" unter Druck zu setzen, Slowenien und Kroatien zu ermutigen Jugoslawien zu verlassen und diesen Staat aufzulösen, ohne sich um das Problem der Minderheiten zu kümmern) das wird überhaupt nicht zu Kenntnis genommen."

Herman gibt dann eine Aufstellung dieser Verbrechen der amerikanischen Politik: WTO, Weltbank, IMF, Unterstützung rechter Regierungen, Staatsterrorismus, Folter und Entführungen in Lateinamerika, Vietnam, Südafrika, Angola, Suharto, Marcos, das Folterregime des persischen Schahs, die Unterstützung des Irak gegen Persien und dann der Krieg gegen Irak, der Abschuß eines persischen Zivilflugzeugs und schließlich die Unterstützung der israelischen Enteignungspolitik und ethnischen Säuberung in Palästina. Darüber schweigt die US-Presse oder berichtet falsch, Herman: "Viele dieser Hundertmillionen Verlierer wissen ziemlich gut Bescheid über die Rolle der Vereinigten Staaten in diesem Prozeß. Es ist die US-Öffentlichkeit, die kaum etwas davon weiß."

Und zum Schluß seines Kommentars: "Alle diese Opfer können durchaus einen Widerwillen gegen die "westliche Zivilisation und ihre kulturellen Werte" haben, aber das kommt daher, weil sie erkennen, daß es die rücksichtslose Zumutung eines neoliberalen Regimes einschließt, das den westlichen, transnationalen, korporativen Interessen dient, obendrein mit der Bereitschaft, unbegrenzte Gewalt anzuwenden, um die Ziele des Westens zu erreichen. Die Times-Herausgeber erkennen dies nicht oder geben es jedenfalls nicht zu, weil sie die Sprecher des Imperialismus sind, und das Kapital nicht bereit ist seine Politik zu ändern. Dies verheißt Übles für die Zukunft. Aber es ist von großer Wichtigkeit, die Tatsache in diesem Augenblick zu betonen, daß imperialer Terrorismus zwangsläufig die Antwort des Kleinterrorismus produziert, und daß dringender Bedarf besteht, die ursächliche Gewalt des herumwütenden Imperiums zu zügeln."

Das amerikanische Z-Magazin verzeichnete bereits zwei Tage nach den Anschlägen etliche Kommentare von Autoren der US-Linken auf ihrer Homepage, und noch immer kommen neue hinzu (www.zmag.org - von denen ich mehrere übersetzt habe). Es fällt kaum auf, weil die Aufgeregtheit sowohl der Lesenden, die nach immer neuen Informationen und Antworten auf existenziell empfundenen Fragen suchen, wie auch derer, die schreiben und auch kaum etwas anderes tun können als zu suchen, daß sich die Kommentare alle irgendwie gleichen. Und zwar auch die der Autoren der amerikanischen Opposition, die in der Tat eine mehr oder weniger ähnliche Aufzählung der Konfliktpunkte bringen, nur mit jeweils andern Worten, und man hofft immer beim Lesen noch ein bißchen mehr Information zu ergattern. Insofern lassen sich alle Kommentare danach sortieren, wie sie 1. zur Medienkritik stehen, 2. zu internationalen Konfliktherden, 3. zu militärstrategischen Fragen und 4. zur jeweiligen Innenpolitik. Tariq Ali weist als einziger auf einen möglichen Bürgerkrieg in Pakistan hin, für den Fall der Kooperation mit den USA. Michael Albert warnt besonders deutlich vor einer Einschränkung der Bürgerrechte. Naomi Klein stellt die von andern Autoren schon bekannten Kritikpunkte in den Rahmen einer Medienkritik, "das Ende von Videospielkriegen". Jean Bricmonts schreibt in "Das Ende vom Ende der Geschichte", obwohl er sich im Titel auf den berühmten Diskurs von Fukuyama vom Ende der Geschichte bezieht, leider keine grundlegende Einschätzung dieser so deutlich von allen Menschen empfundenen historischen Wende, sondern zählt auch nur die Konflikte auf. Nichts anderes tut Noam Chomsky, der sich als Linguist eigentlich mit den abstrakten Räumen der Sprache und des Denkens befaßt, sodaß man schon einwenig enttäuscht ist. Auch findet sich nirgends eine Kritik der Umsturztheorie vom "Herzen der Bestie" (Che Guevara), das es nämlich in einer offenen westlichen Gesellschaft evident nicht gibt.

Das heißt, ich bin unzufrieden mit den Stellungnahmen der US-Oppositionellen, denn wenngleich immerhin Ali, Avnery, Albert und Zinn wenigstens davon sprechen, daß die Ursachen der globalen Unzufriedenheit beseitigt werden müssen, Avnery sogar mit dem versöhnlichen Bild: "Statt der zerstörten Türme von New York müssen die Twin-Tower von Frieden und Gerechtigkeit gebaut werden." und Albert mit: "wir brauchen ein neues Denken", und damit meint: "aufhören Waffen zu liefern ... keinen Krieg zu führen ... kostenlose Gesundheitsfürsorge, garantierte Ausbildung und Behausung, anständige Löhne, saubere Umwelt", bleibt dieser ganze Diskurs viel zu sehr im Politischen, zB in der Umverteilung stecken. Es werden stets nur die Interessen, Kräfte, die Ökonomie und die Zahlen erwogen, und die Moral, sofern sie politisch erfaßbar ist.

Die Kurzatmigkeit solcher Überlegungen muß doch auffallen, ich meine, es sollte viel mehr in langfristigen Perspektiven gesellschaftlicher Prozesse gedacht werden, damit wir nicht bei Begriffen wie Imperialismus, Kampf der Kulturen (Huntington) oder Barbaren (G.W.Bush) gegen die zivilisierte Welt (Schröder) hängenbleiben. Zu untersuchen wäre die Struktur der Konflikte, wozu Christian Sigrist vor einigen Jahren zB. mit dem Wort von der "Cowboy-Demokratie" anregte, dh. welches Demokratieverständnis liegt eigentlich der US-Politik zugrunde? Möglicherweise ist die multikult. US-Gesellschaft ein Modell für die globale Zukunft, aber um so schlimmer, wenn wir das Modell gar nicht kennen. Im Gegensatz zu fast allen Staaten verfügen die USA nur über eine 200-jährige Staatlichkeit bzw. entsprechende Tradition, und der Staat als Garant der Sicherheit des Einzelnen zeigt, im Gegensatz zu gleichweit entwickelten Gesellschaften, die geringste Rechtssicherheit für sozial Schwache. Es ist die Rede von der Arroganz der Macht oder schlicht vom Satan, aber moralische Kathegorien sind eher ein Zeichen von Hilflosigkeit, weil man das, was in USA für Recht gehalten wird, nicht versteht.

Übergehen wir jetzt mal das anarchistische Totalverdikte (übrigens könnte die anarchistische Antistaatlichkeit recht gut zum amerikanischen Pionierdenken passen), dann wäre ganz nüchtern jede Form der Rechtlichkeit zu analysieren, denn sie ist das formale Gerüst allen Umgangs der Menschen und somit der gesellschaftlichen Struktur. In Europa oder auch Afghanistan ist Recht quasi eine Dimension aus der Ewigkeit, hingegen hat das amerikanische Recht, wenn auch von Europa inspiriert, eine ganz andere Entwicklung genommen, die den Staat soweit wie möglich aus den Belangen des Einzelnen heraushält. Zweifellos hat solche Umwertung des Rechts einen heilsamen Einfluß auf stagnierte globale Verhältnisse, aber es darf nicht sein, daß die USA der Welt aufgrund ihrer Vormachtstellung ihr rudimentäres Recht aufzwingen.

("Die Terrorangriffe vom 11.9.2001", Texte von Tariq Ali, Uri Avnery, Edward Herman, Radikaler Schwarzer Kongreß, Michael Albert, Howard Zinn, Noam Chomsky, beim Packpapierverlag, Postfach 1811, 49008 Osnabrück, 2 Mark plus Porto)

Christian Sigrist: Dezentraler Terrorismus

Interview von Stefan Niehoff mit Christian Sigrist, Soziologe aus Münster und besonderer Kenner der afghanischen Gesellschaft (Buchveröffentlichung: regulierte Anarchie).

Stefan: Wie war deine erste Reaktion auf den Terroranschlag in New York?

Christian: das war sehr überraschend, ich war in Lissabon, und im Taxi sagte der Fahrer, drei Flugzeuge seien in New York zusammengestoßen, eine der üblichen Flugkatastrophen, die häufiger vorkommen. Daß das einen politischen Hintergrund hatte, wurde mir schnell klar. Ich habe den letzten Krieg erlebt, und ich muß sagen, in Dresden hat es bei den angloamerikanischen Luftangriffen mehr Tote gegeben. Die Amerikaner wissen nicht, was Krieg in ihrem eigenen Land bedeutet, sie haben das seit dem letzten Bürgerkrieg nicht mehr lebt, und insofern ist es natürlich ein schwerer Schock. Ich wünschte, daß sie mal anfangen zu überlegen, was sie überall auf der Welt anrichten. Das ist keine Rechtfertigung, das ist auch keine Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid der Menschen, aber die Brutalität, welche der amerikanische Imperialismus weltweit verübt, schlägt auf ihn zurück. Ich bin ganz sicher, das war nicht der letzte Anschlag, wenn nicht eine Umkehr erfolgt

Stefan: als Täter wird der seit Jahren gesuchte Terrorist Ossama bin Laden vermutet. Ist das Ossama bin Laden zuzutrauen, und ist das Taliban-Regime darin verstrickt?

Christian: das weiß ich so genau auch nicht, bin Laden ist einer der wenigen politischen Führer, die ich nicht kennengelernt habe. Das gleiche gilt auch für Mullah Omar, wie ich auch die ganze Taliban-Generation, dies sehr jung ist, nicht kenne. Ich weiß nur, es sind Paschtunen, aber nicht nur, es sind auch viele Pakistani und Nicht-Paschtunen.

Stefan: was sind Paschtunen?

Christian: das ist das größte Volk der Afghanen, die seit dem 18. Jahrhundert die Dynastien gestellt haben, bis sie 1973 in einem Staatsstreich abgeschafft wurde. Dann kam zwar nochmal ein Angehöriger der Königsfamilie, der Diktator M. Daud an die Macht, 1978 gab es eine Kommunistische Republik, die sofort in Schwierigkeiten geriet, und darauf folgte der sowjetische Einmarsch. Ich habe den Einmarsch von vornherein für einen gewaltigen Fehlschlag erklärt, es ist auch so gekommen.

Erstmal zu bin Laden, der ist nicht in erster Linie ein Terrorist, sondern ein erfolgreicher Geschäftsmann. Er ist nicht Terrorist in dem Sinnen eines Desperado, sondern jemand, der mit Weitsicht Strategien entwickeln kann, ob er nun konkret dahinter steckt, das weiß ich auch nicht. Es ist sehr leichtfertig von den Amerikanern das zu behaupten.

Stefan: es gibt die Behauptung, daß bin Laden aufgrund seiner Verfolgung gar nicht in der Lage sei, so eine umfassende Planung vorzunehmen.

Christian: Ich würde sagen, das stimmt nicht. Mit den heutigen moderneren Mitteln, die ja nicht viel Energie brauchen, kann man auch in einem Land wie Afghanistan alles regeln. Der Punkt ist der, daß Netzwerke entstanden sind, die er finanziert hat, und denen er gar nicht zu sagen braucht, was sie jetzt genau tun sollen, daß machen schon andere. Es ist dezentral, und das ist das interessante, das paßt zu diesem Mann. Es war nie möglich, einen wirklichen Einheitsstaat aus diesem Land zu machen, dieses Land besteht aus dem, was ich nenne: ein Ensemble segmentärer oder fragmentierter Gesellschaften. Wir hatten - zumindest vor ein paar Jahrzehnten noch - über 30 verschiedene Sprachen in Afghanistan, es gibt noch heute relativ viele selbständige Sprachgemeinschaften, aber auch richtige Ethnien, und es gibt besonders wichtige Gruppen wie die Pandschir-Tadschiken, deren Anführer Massoud ist. Bisher wurde versucht das Problem so zu lösen, daß die Paschtunen als Staatsvolk das Land zusammen gehalten haben.

Die Afghanen sind relativ egalitär, das heißt natürlich die Männer unter sich, das heißt Leute, die man kaum regieren kann, was nicht heißt, daß sie nicht bereit sind andere zu regieren. Der letzte König hat lange Zeit eine ganz gute Gleichgewichtspolitik gemacht, aber das bedeutete auch Stagnation, dann kam die Entwicklungshilfe der Amerikaner, das hat das Land in die Verschuldung gestürzt. Darauf kamen die Russen ins Militärgeschäft, haben die ganze Armee militärisch aufgerüstet, und die ideologische Infiltration kam teilweise über die Militärakademie, denn die technischen Lehrer waren alles Russen. Insgesamt allerdings waren nicht die Voraussetzungen gegeben für eine irgendwie kommunistisch zu nennende Revolution, die Leute, die das gemacht haben, waren zum Teil eben Offiziere, zum Teil Intellektuelle, die keine wirkliche Ahnung hatten von Politik. Ich wurde damals in Anspruch genommen, ich hätte das mit angeregt - ich hab immer gesagt, ihr dürft in Kabul überhaupt nichts machen, wenn ihr auf dem Land nicht mit den Bauern ins Gespräch kommt. Wenn die Bauern verlangen, es muß das und das passieren, dann könnte ihr den Mund aufmachen in Kabul, dann kann was laufen. Gut, das und der Widerstand der Afghanen hat der sowjetischen Armee ihre erste große Niederlage beigebracht, hat dazu geführt, daß 89 der Abzug erfolgte. Der Fall der Mauer ist ein unmittelbarer Zusammenhang - und die Afghanen sind auch ziemlich sauer, daß die Deutschen ihre Einheit feiern und überhaupt nicht kapieren, überhaupt nicht wissen, wem sie das verdanken. Natürlich nicht nur, die Polen, die Ungarn hatten ihren Anteil, ein bißchen auch die Leipziger, aber es waren die Afghanen, die mit ungefähr 2 Millionen Toten und Millionen Flüchtlingen dafür bezahlt haben.

Im übrigen hat Rußland erklärt, es sei nicht bereit, sich an einer Expedition nach Afghanistan zu beteiligen. Sie wissen warum. Außerdem wissen wir nicht, wie weit Laden wirklich darin verwickelt ist, sondern ich würde meinen, diese dezentrale Planungsstruktur paßt hervorragend zu einem Land wie Afghanistan und ist natürlich auch terroristischen Strategie völlig angemessen. Denn sonst ist die Gefahr, man erwischt einen Kopf und dann fliegt alles auf, und das wird dadurch vermieden.

Zur Einschätzung dieser Drohgebärden gegen Afghanistan, das hat Clinton schon probiert - ich war in den Unterständen, in denen sich angeblich Herr Laden aufhalten sollte ... um nicht bombardiert zu werden, haben sie sich Stollenzentren geschaffen, unzählige, ich weiß nicht, wie viele das sind. Das ist völlig lächerlich, da mit Missiles zu schmeißen. Es wäre reiner Zufall gewesen, selbst wenn bin Laden da gewesen wäre, ihn zu erwischen. Wer Afghanistan kennt, 16 Prozent sind kultivierbar, es besteht zu großen Teilen aus Hochgebirge, und man kann nicht sehen, wer sich hinter den Felsen verbirgt. Es ist auch von oben nicht leicht einzusehen, die Russen haben es probiert. Meine Prognose ist, die Gefahr ist keineswegs vorbei. Ein Landeinsatz in Afghanistan, auch mit Sonderkommandos, hat so gut wie keine Chance.

Ich will aber noch etwas erzählen zum Verständnis, warum die Taliban den bin Laden nicht ausliefern können. Das ist wirklich gegen das Gastrecht, das ist keine Schutzbehauptung, sondern darüber habe ich speziell geforscht, das ist ein ganz archaisches Gesetz, das aber auch in den Koran eingegangen ist, das heißt die völlige Heiligkeit der Gastfreundschaft. Man muß jeden, auch wenn er der Mörder meines Vaters wäre, wenn es ihm nur gelingt, an die Tür meines Hauses zu kommen, ohne daß ich ihn vorher abgeschossen habe, dann ist er mein Gast, und ich muß ihn beschützten, mit meinem eigenen Leben. Das geht auf ein altes Steppengesetz zurück, das gibt es schon bei den Nomaden. Dort kommt es darauf an, daß man an die Zeltlinie am Boden rankommt, wenn man die berührt hat, ist man Schutzbefohlener.

Aber was eben auch gesagt werden muß, warum ist bin Laden nicht einfach wieder ins Geschäftsleben zurückgekehrt, er wäre ja hoch geehrt gewesen in Saudi-Arabien. Er hat erst versucht seine politische Linie dort durchzusetzen, und das betraf vor allem die Palästina-Frage. Die Mißhandlung der Palästinenser ist eine Demütigung für die arabische Nation, und diese Freudentänze oder Freudengesänge der Palästinenser, die sollte man nicht so leichtfertig niedermachen, das kann ich nachvollziehen. Denen ist schlimmeres angetan worden in den ganzen Jahren, als an einem einzigen Tag in New York passiert ist.

Was folgt daraus? Weitermachen wie bisher, Terror - Gegenterror? Nein, jetzt endlich verhandeln! Es gibt ja den Osloer Vertrag, das Übereinkommen, wenn das umgesetzt worden wäre, wäre es dazu nicht gekommen! Dann wäre die Frage der amerikanischen Truppen in Saudi-Arabien ein inner-arabisches Problem, und so ist es eben ein globales Problem. Da hilft es nichts, wenn der Kanzler sagt, nicht alle Muslime sind so, die Bundesregierung hat eine passive Rolle gespielt, sie hätten sich ganz klar distanzieren müssen von der verräterische Rolle der USA. Das muß einfach mal klar gesagt werden, und ich kann mir das leisten, es gibt einfach zu viele Juden in der amerikanischen Politik. Ich halte es für legitim, wenn sie in der Wissenschaft überrepräsentiert sind, das hat eine kulturelle Tradition, aber es ist nicht gut, wenn jüdische Politiker die Nahost-Politik bestimmen. Wo soll da Vertrauen erwachsen? Es gibt kaum einen Amerikaner arabischer Herkunft, der eine wichtige Rolle in der amerikanischen Politik spielt, da stimmt doch was nicht. Das heißt hier muß grundlegend etwas geändert werden.

Stefan: die Amerikaner sprechen von einem New War, einem neuen Krieg. Geht es dabei um einen atomaren und biologischen, oder um einen inneren Krieg? Ist also der neue Krieg eigentlich die letzte Herrschaftsabsicherung des Kapitalismus?

Christian: Ich habe im letzten Jahr in einem Artikel geschrieben, die Menschheit wird auf der Erde dieses Jahrhundert nicht überleben. Da konnte ich nicht wissen, was jetzt passieren würde, aber ich dachte an ein Szenario, daß ein Kernkraftwerk z.B. durch einen terroristischen Angriff explodiert. Wenn eine der Maschinen auf ein Kernkraftwerk gefallen wäre, das hätte eine Reaktion auslösen können, die wir gar nicht berechnen können. Das ist einer der möglichen Schritte, und dann kann alles ziemlich schnell gehen. Mal ganz abgesehen davon was passieren kann, daß die Russen einfach aus Unfähigkeit und Mittellosigkeit ihr enormes Waffen Potential nicht unter Kontrolle halten können.

Eine politische, nicht eine militärische Lösung ist erforderlich
von Tariq Ali

Auf einer Reise nach Pakistan sprach ich vor einigen Jahren mit einem Ex-General über die militanten islamistischen Gruppen in der Region. Ich fragte ihn, warum diese Leute, die während des kalten Krieges Gelder und Waffen aus den Vereinigten Staaten glücklich akzeptiert hatten, über Nacht Antiamerikaner geworden seien. Er erklärte, daß sie nicht alleine wären, viele pakistanische Offiziere, die den USA seit 1951 treu gedient hatten, fühlten sich von Washingtons Gleichgültigkeit gedemütigt.

'Pakistan war das Kondom, das die Amerikaner brauchten, um in Afghanistan einzudringen', sagte er. 'wir haben unsern Zweck erfüllt, und sie denken, daß wir einfach die Toilette hinuntergespült werden können'.

Das alte Kondom wird zum Gebrauch noch einmal herausgefischt, aber funktioniert es? Die neue 'Koalition gegen den Terrorismus' braucht die Dienste der Pakistanischen Armee, aber General Musharraf wird äußerst vorsichtig sein müssen. Ein zu starkes Engagement für Washington könnte zu einem Bürgerkrieg in Pakistan führen und die Streitkräfte spalten. Viel hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten geändert, aber die Ironie der Geschichte fährt fort sich zu multiplizieren.

In Pakistan selbst bezieht der Islam seine Stärke weniger von der staatlichen Politik als aus öffentlicher Unterstützung. Die Vorherrschaft des religiösen Fundamentalismus ist das Erbe des vorherigen Militärdiktators General Zia-ul Haq, der von Washington und London während seiner 11 Jahre als Diktator Rückendeckung erhielt. Während seiner Regierungszeit (1977-89) wurde ein Netz von Madrassahs (religiösen Internatsschulen), finanziert vom saudischen Regime, geschaffen.

Den Kindern, die später ausgesandt wurden, um als Mujahedeen in Afghanistan zu kämpfen, wurde beigebracht, alle Zweifel zu verbannen. Die einzige Wahrheit sei die göttliche Wahrheit. Jeder der gegen den Imam rebellierte, rebellierte gegen Allah. Die Madrassah-Schulen hatten nur ein Ziel: die Produktion von Fanatikern im Namen eines unfrohen islamischen Kosmopolitanismus. In den Lehrbüchern wurde den Schülern beigebracht, daß der Urdubuchstabe jeem für 'jihad' stand; tay für 'tope' (karambolieren), kaaf für Kalashnikov und khay für khoon (Blut).

2500 Madrassahs produzierten eine Ernte von 225.000 Fanatikern, die bereit zu töten sind und für ihren Glauben zu sterben, wenn es ihre religiösen Führer verlangen. Von Pakistans Armee über die Grenze geschickt, wurden sie in den Kampf gegen andere Moslems geworfen, von denen ihnen gesagt worden war, daß sie keine wahren Moslems seien. Die Taliban sind eine extreme Sekte, inspiriert von der Wahhabi-Sekte, die Saudi-Arabien beherrscht. Die Strenge der afghanischen Mullahs ist von sunnitischen Geistlichen von al-Azhar in Kairo und schiitischen Theologen in Qom als eine Schande für den Propheten verurteilt worden.

Die Taliban könnten Kabul jedoch nicht allein mit ihrem religiösen Eifer besiegt haben. Sie wurden von 'Freiwilligen' der Pakistanischen Armee bewaffnet und geführt. Wenn Islamabad beschließt den Stecker zu ziehen, könnte das Talibanregime stillgelegt werden, jedoch nicht ohne ernste Probleme. Der Sieg in Kabul gilt als Triumph der pakistanischen Armee. Bis heute widersetzt sich US-Staatssekretär Zbigniew Brezinskis der Einsicht: 'Was war wichtiger im Verlauf der Weltgeschichte?' fragt er mit mehr als ein Anflug von Irritation, 'das Talibanregime oder der Fall des sowjetischen Imperiums? Einige aufrührerische Moslems oder die Befreiung Zentraleuropas und das Ende des Kalten Krieges?'

Wenn die Regeln von Holywood einen kurzen, scharfen Krieg gegen den neuen Feind erforderlich machten, wäre dem amerikanischen Cäsar am besten geraten, nicht auf der pakistanischen Armee zu bestehen. Die Folgen könnten schrecklich sein: ein brutaler und bösartiger Bürgerkrieg, der noch mehr Bitterkeit schafft und noch mehr Menschen zu individuellem Terrorismus ermutigt. Islamabad tut alles, um eine militärische Expedition nach Afghanistan zu verhindern. Denn es gibt pakistanische Soldaten, Piloten, und Beamte in Kabul, Bagram und anderen Lagern. Wie werden ihre Befehle dieses Mal sein, und gehorchen sie ihnen? Viel wahrscheinlicher sind, daß Ossama bin Laden im Interessen der größeren Sache geopfert, und sein toter oder lebendiger Körper seinen früheren Arbeitgebern in Washington überreicht wird. Aber genügt das?

Die einzige wirkliche Lösung ist eine politische. Sie verlangt die Ursachen der Unzufriedenheit zu beseitigen. Die Verzweiflung nährt den Fanatismus, und das ist das Ergebnis der Politiken Washingtons im Nahen Osten und anderswo. Die orthodoxe Gewissensrhetorik der loyalen Lakaien, Kolumnisten und Höflinge von Washingtons Regime wird durch Tony Blairs persönlichen Assistenten für Außenpolitik treffend wiedergegeben, Ex-Diplomat Robert Cooper schreibt ziemlich offen: 'wir müssen uns an die Vorstellung doppelter Standards gewöhnen'. Die zugrundeliegende Maxime dieses Zynismus ist: wir bestrafen die Verbrechen unserer Feinde und belohnen die Verbrechen unserer Freunde. Ist das nicht wenigstens einer allgemeine Straflosigkeit vorzuziehen? Die Antwort darauf ist einfach: 'Strafe' nach dieser Methode verringert nicht, sondern züchtet Kriminalität durch jene, die so vorgehen. Der Golfkrieg und die Balkankriege waren Paradebeispiele, wie dank selektiver Wahrnehmung moralische Blankoschecks ausgegeben wurden. Israel kann sich UN-Resolutionen bei Straflosigkeit widersetzen, Indien darf Kaschmir tyrannisieren, Rußland Groszny zerstören, aber es ist der Irak, der bestraft werden muß, und es sind die Palästinenser, die zu leiden haben.

Cooper fährt fort: 'Ein Rat an die post-modernen Staaten: akzeptieren Sie Interventionen in der Vor-Modernen als Tatsache des Lebens. Solche Eingriffe mögen keine Probleme beheben, aber sie können das Gewissen beruhigen. Und es sind nicht unbedingt die schlechtesten.' Versuch das mal den Überlebenden in New York und Washington zu erklären.

Die Vereinigten Staaten bringen sich selbst in Raserei. Ihre Ideologen reden von einem Angriff auf die 'Zivilisation', aber was für eine Zivilisation ist das, die in Kathegorien von Blutrache denkt. Die letzten sechzig Jahre und mehr haben die Vereinigten Staaten demokratische Führer gestürzt, Länder in drei Kontinenten bombardierte, Kernwaffen gegen japanische Zivilisten verwendet, aber sie wußten nie, wie es sich anfühlt, in Ihren eigenen Städten angegriffen zu werden. Jetzt wissen sie es. Den Opfern des Angriffs und ihren Verwandten können wir nur unser tiefes Mitgefühl anbieten, ebenso wie den Menschen, die die US-Regierung auf dem Gewissen hat. Aber zu akzeptieren, daß ein amerikanisches Leben irgendwie mehr ist als das von einem Ruander, einem Jugoslawen, einem Vietnamesen, einem Koreaner, einem Japaner, einem Palästinenser ... das ist unannehmbar.

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Twin Towers
von Uri Avnery, 15. September 2001

Nachdem der Rauch sich verzogen und der Staub sich niedergelassen hat, und die Anfangswut verflogen ist, wacht die Menschheit auf und realisiert eine neue Tatsache: es gibt keinen sicheren Platz auf Erden.

Eine Handvoll Selbstmordattentäter hat die Vereinigten Staaten zum Stillstand gebracht, den Präsidenten veranlaßt, sich in einem Bunker unter einem weit entfernten Berg zu verstecken, einen schrecklichen Schlag gegen die Wirtschaft ausgeteilt, alle Flugzeuge aus dem Verkehr gezogen und Regierungsbüros überall im Land geleert. Dies kann jedem Land geschehen. Die Zwillingstürme sind überall.

Nicht nur Israel, sondern die ganze Welt ist jetzt voll vom Gerede über "Terrorismusbekämpfung". Politiker, Experten des Terrorismus und ihre Anhänger empfehlen zuzuschlagen, zu zerstören, zu vernichten usw., sowie noch mehr Milliarden an die "Intelligenz-Dienste" (Geheimdienste) zu vergeben. Sie machen glänzende Vorschläge.

Aber nichts von dieser Art hilft den bedrohten Nationen, so gut wie gar nicht hat es Israel geholfen. Es gibt kein Patentmittel gegen Terrorismus. Das einzige Mittel ist, seine Ursachen zu beseitigen. Man kann eine Million Stechmücken töten, und mehre Millionen treten an ihre Stelle. Um von ihnen befreit zu werden, muß man den Sumpf austrocknen, der sie züchtet. Und der Sumpf ist immer politisch.

Es wacht nicht jemand eines Morgens auf und sagt sich: Heute werde ich ein Flugzeug entführen und mich töten. Noch wacht jemand eines Morgens auf und sagt sich: Heute werde ich mich in einer Diskothek in Tel-Aviv in die Luft jagen. Solch eine Entscheidung wächst über Jahre in einen langsamen Prozeß im Kopf einer Person. Der Hintergrund zur Entscheidung ist entweder national oder religiös, sozialer und geistiger Art.

Kein kämpfender Untergrund kann ohne Wurzeln in einer ihn unterstützenden Umgebung operieren, die nicht bereit wäre, neue Rekruten und Hilfe, Verstecke, Geld und Propagandamittel zu liefern. Eine Untergrundorganisation will an Beliebtheit gewinnen, nicht sie verlieren. Deshalb werden Angriffe begangen, wenn man annehmen kann, daß die unterstützende Umgebung sowas will. Terrorangriffe sagen immer etwas über die öffentliche Stimmung aus.

Das gilt auch in diesem Fall. Die Initiatoren der Angriffe beschlossen ihren Plan durchzuführen, nachdem Amerika überall in der Welt immensen Haß provoziert hat. Nicht wegen seiner Macht, sondern wegen der Art, wie es seine Macht verwendet. Es wird von den Gegnern der Globalisierung gehaßt, die es für die schreckliche Kluft zwischen Reich und Arm in der Welt verantwortlich machen. Es wird wegen seiner Unterstützung der israelischen Besatzung und der Leiden des palästinensischen Volkes von Millionen von Arabern gehaßt. Es wird von vielen Moslems wegen seiner augenscheinlich Unterstützung der jüdische Vorherrschaft über die heiligen islamischen Schreine in Jerusalem gehaßt. Und es gibt noch viel mehr ärgerliche Menschen, die glauben, daß Amerika ihre Peiniger unterstützt.

Bis zum 11. September 2001 - einem Datum, das man sich merken wird - konnten die Amerikaner die Illusion pflegen, daß dies alles nur andere betrifft, weit weg über dem Meer, und daß ihr wohlbehütetes Leben zuhause davon nicht berührt werde. Nicht mehr.

Das ist die Kehrseite der Globalisierung: alle Probleme der Welt betreffen jeden in der Welt, jeder Fall von Ungerechtigkeit, jeder Fall von Unterdrückung. Terrorismus, die Waffe der Schwachen kann leicht jede Stelle auf der Erde erreichen. Jede Gesellschaft kann leicht zum Ziel werden, und je entwickelter eine Gesellschaft ist, desto mehr ist sie in Gefahr. Immer weniger Menschen werden gebraucht, um immer mehr Menschen Schmerz zuzufügen. Bald wird eine einzelne Person genügen um einen Koffer mit einer winzigen atomaren Bombe zu tragen und eine Megalopolis von zig Millionen zu zerstören.

Das ist die Realität des 21. Jahrhunderts, mit der es diese Woche ernst wurde. Es geht um die Globalisierung aller Probleme und die Globalisierung ihrer Lösungen. Und zwar nicht abstrakt mit törichten Erklärungen in der UNO, sondern mit dem globalen Bestreben, Konflikte zu lösen und Frieden schaffen, mit der Beteiligung aller Nationen und den USA in einer zentralen Rolle.

Seit die USA eine Weltmacht geworden sind, sind sie vom Weg ihrer Gründern abgewichen. Es war Thomas Jefferson, der sagte: Keine Nation darf sich ohne Rücksichtnahme auf die Meinung der ganzen Menschheit verhalten (ich zitiere aus Gedächtnis). Als die US-Delegation die Weltkonferenz in Durban verließ, um die Debatte über das Übel der Sklaverei abzubrechen und damit das israelische Recht hoffierte, muß Jefferson sich in seinem Grab umgedreht haben. Wenn es sich bestätigt, daß der Angriff auf New York und Washington von Arabern begangen wurde - und selbst wenn nicht! - letztlich leidet die Welt an der eiternden Wunde des israelisch-palästinensischen Konflikts, die den ganzen Körper der Menschheit vergiftet. Einer der Angeber der Bush-Administration sagte vor nur einigen Wochen: "lassen Sie sie bluten"! - womit er die Palästinenser und die Israelis meinte. Jetzt blutet Amerika. Wer einem Konflikt davonläuft, wird davon verfolgt, sogar bis in sein Haus. Die Amerikaner und auch die Europäer sollten diese Lektion lernen.

Der Abstand von Jerusalem nach New York ist gering, ebenso der Abstand aus New York nach Paris, London und Berlin. Nicht nur multinationale Gesellschaften umarmen den Globus, auch Terrororganisationen tun es. Deshalb müssen die Instrumente für die Lösung von Konflikten global sein. Statt der zerstörten Türme von New York müssen die Twin-Tower des Frieden und der Gerechtigkeit gebaut werden.

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Die da draußen haben einen "Widerwillen gegen die Westliche Zivilisation und ihre Kulturellen Werte"
von Edward S. Herman, 13,9,2001

Eine der unverwüstlichsten Eigenarten der US-Kultur ist die Unfähigkeit oder Weigerung, US-Verbrechen zu erkennen. Die Medien haben lange gefordert, daß die Japaner und Deutschen ihre Schuld zugeben, sich entschuldigen und Wiedergutmachung zahlen. Aber die Idee, daß dieses Land selbst gewaltige Verbrechen begangen habe, und es sein kann, daß gegenwärtige Ereignisse wie die Welthandelszentrums- und Pentagonangriffe als Antworten auf jene Verbrechen anzusehen sind, ist fast nicht erlaubt. Im Leitartikel zu den jüngsten Angriffen ("Die Nationale Verteidigung," 12. Sept), weist die New York Times zwar auf das Ende des kalten Kriegs und den sich daraus ergebenden "wiederauflebenden ethnischem Haß" hin, aber daß die Vereinigten Staaten und die NATO zu diesem Wiederaufleben mit ihren eigenen Taten beitrugen (z.B. die Sowjetunion zu demontieren und die russische "Reform" unter Druck zu setzen, Slowenien und Kroatien zu ermutigen Jugoslawien zu verlassen und diesen Staat aufzulösen, ohne sich um das Problem der Minderheiten zu kümmern) das wird überhaupt nicht zu Kenntnis genommen.

Die Times fährt dann fort den Terrorismus auf "religiösen Fanatismus ... der Ärger der von der Globalisierung Vergessenen", und den "Widerwillen gegen die westliche Zivilisation und ihre kulturellen Werte" der global Enteigneten zurückzuführen. Die Blindheit und Selbsttäuschung solcher Erklärungen ist wahrlich bescheuert. Als ob die von der US-Regierung und ihren nächsten Verbündeten mit Hilfe der Welthandelsorganisation, der Weltbank und dem IMF, mit Budgetkürzungen und Importbeschränkungen durchgedrückte Globalisierung nicht einen ungeheuren Verelendungsprozeß bei Handwerkern und kleinen Landwirten in der Dritten Welt ausgelöst hätte. Viele dieser Hundertmillionen Verlierer wissen ziemlich gut Bescheid über die Rolle der Vereinigten Staaten in diesem Prozeß. Es ist die US-Öffentlichkeit, die im kaum etwas davon weiß.

Sehr viele Menschen haben auch unter der US-Politik der Unterstützung rechter Regierungen und des Staatsterrorismus gelitten, in der Absicht "nationalistische Regimes, die sich auf eine breite Untersützung der Massen beriefen" zu bekämpfen und "eine Verbesserung des niedrigen Lebensstandards der Massen zu verlangen", wie es 1954 in einem nationalen Sicherheitsratsbericht ängstlich ausgedrückt wurde, dessen Inhalt nie für veröffentlichenswert befunden wurde. Aufgrund dieser Politik entstanden in den 60ern und 70ern in der Einflußsphäre der USA ein Dutzend National-Security-Staaten, und wie Noam Chomsky und ich 1979 von 35 Ländern, die in den späten 70ern reguläre Folter praktizierten, berichteten, waren 26 Schützlinge der Vereinigten Staaten. Die Idee, daß viele jener Opfer der Folter und ihre Familien und die Familien von Tausenden "Verschwundenen" in Lateinamerika in den 60ern bis in die 80er einige schlechte Gefühle in Richtung der Vereinigten Staaten hegen könnten, bleibt US-Kommentatoren undenkbar.

Während des Vietnamkriegs verwendeten die Vereinigten Staaten ihre enorme militärische Kraft darauf zu versuchen, in Südvietnam eine Minderheitsregierung eigener Wahl zu installieren, in dem Bewußtsein, daß die Menschen dort Feinde waren. Dieses Land tötete Millionen und ließ Vietnam (und den Rest von Indochina) verwüstet. Ein Wall Street Journal Bericht von 1997 schätzte, daß etwa 500.000 Kinder in Vietnam an ernsten Geburtsfehlern leiden, die sich aus der Verwendung von chemischen US-Waffen ergaben. Auch hier könnte es viele Leute mit wohlbegründeten feindlichen Gefühlen für die Vereinigten Staaten geben.

Dasselbe gilt für Millionen in Südafrika, wo die Vereinigten Staaten Savimbi in Angola unterstützten und eine Politik "konstruktiver Verpflichtung" mit der Apartheid in Südafrika betrieben, was zu einer riesigen, grenzüberschreitenden terroristischen Operation gegen die Frontline-Staaten in den 70ern und 80ern mit enormen Opfern führte. Die US-Unterstützung für "our kind of guy"-Suharto, der zu Hause und im östlichen Timor tötete und stahl, und die langen, warmen Verbindungen zum philippinischem Diktator Ferdinand Marcos, mag auch unter den zahlreichen Opfern eine große Feindseligkeit für dieses Landes gesät haben.

Die Iraner mögen sich daran erinnern, daß die Vereinigten Staaten den Schah 1953 als Diktator installierten, sie trainierten seinen Geheimdienst in "Methoden für Verhöre" und priesen ihn, wie er sein Folterregime führte. Und sie erinnern sich bestimmt daran, daß die Vereinigten Staaten Saddam Hussein die ganzen 80er hindurch unterstützten, als er Krieg mit ihnen führte, und daß die Amerikaner sich zu seiner Verwendung von chemischen Waffen blind stellten. Ihr Zivilflugzeug 655, das 1988 zerstört wurde, wobei 290 Menschen getötet wurden, war von einem US-Kriegsschiff abgeschossen worden, das damit beschäftigt war, Saddam Hussein zu helfen, seinen Krieg mit dem Iran zu führen. Viele Iraner mögen auch wissen, daß dem Kommandanten dieses Schiffes 1990 eine großartige Prämie für seinen "hervorragenden Dienst" gegeben wurde (aber die Leser der New York Times werden dies nicht wissen, da das Blatt diese hohe Belobigung nie erwähnt hat).

Die unnachgiebige US-Unterstützung für Israel als einem Land, das in einer langfristigen Enteignungspolitik palästinensischen Landes eine große ethnische Säuberung betrieb, hat zwei Intifadas produziert - Aufstände der Verzweiflung eines unterdrückten Volkes. Aber diese Aufstände und dieser Kampf um Grundrechte haben keine konstruktiven Folgen gehabt, weil die Vereinigten Staaten der ethnischen Säuberung Waffen, diplomatischen Schutz und ihre Blankovollmacht als politische Grüße mitgaben.

Alle diese Opfer können durchaus einen Widerwillen gegen die "westliche Zivilisation und ihre kulturellen Werte" haben, aber das kommt daher, weil sie erkennen, daß es die rücksichtslose Zumutung eines neoliberalen Regimes einschließt, das den westlichen, transnationalen, korporativen Interessen dient, obendrein mit der Bereitschaft, unbegrenzte Gewalt anzuwenden, um die Ziele des Westens zu erreichen. Dies ist echter Imperialismus, der manchmal nur ökonomischen Zwang anwendet, und manchmal unter Hinzunahme von Gewalttätigkeit, aber mit vielen Millionen - vielleicht sogar Milliarden - von menschen- "unwürdigen Opfern". Die Times-Herausgeber erkennen dies nicht oder geben es jedenfalls nicht zu, weil sie die Sprecher des Imperialismus sind, auf hohem Roß, und das Kapital nicht bereit ist seine Politik zu ändern. Dies verheißt Übles für die Zukunft. Aber es ist von großer Wichtigkeit, die Tatsache in diesem Augenblick zu betonen, daß imperialer Terrorismus zwangsläufig die Antwort des Kleinterrorismus produziert, und daß dringender Bedarf besteht, die ursächliche Gewalt des herumwütenden Imperiums zu zügeln.

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Die Terror-Attacken vom 11. September 2001
Der Schwarze Radikale Kongreß

Während dieser äußerst traurigen und traumatischen Zeit erweisen wir den Familien und Lieben all jener, die ihr Leben am 11. September verloren, unser aufrichtiges und tiefempfundenes Beileid. Wir wünschen auch die baldige und volle Genesung jener, die verletzt wurden, und wir hoffen und beten, daß die Rettungsmannschaften noch möglichst viele Leute finden werden, so lebendig wie möglich.

Der Schwarze Radikale Kongreß (BRC, Black Radical Congress) verurteilt nachdrücklich die entsetzlichen Terrorangriffe vom 11. September 2001. Der unverschämte Mord an vielen Tausenden von Zivilisten kann weder gutgeheißen noch ignoriert werden.

Ohne Frage hat der US-Imperialismus den Völkern rund um die Welt Tod und Zerstörung in genozidartigem Ausmaß gebracht. Ob man sich die Situation im Irak mit der ständigen Blockade und den Bombardierungen ansieht, die Situation in Palästina, wo die USA nicht aufhören den Israelis unkritisch tätige Unterstützung bei der nationalen Unterdrückung der Palästinenser zu leisten, die ökonomischen Blockade gegen Kuba, die zum Ziel hat, seine Wirtschaft zu unterhöhlen und seine Bevölkerung zu schwächen, oder irgendeinen anderen Ort, so sieht man die Gefühlslosigkeit und böse Absicht eindeutig, mit der der US-Imperialismus das Leben und Eigentum anderer behandelt, besonders farbiger Menschen rund um den Globus.

Und doch ist es auch mit einem klaren Bewußtsein der Ursachen der Verzweiflung, der Wut und des Hasses auf den US-Imperialismus, keine akzeptable Strategie, sich dem Terrorismus zuzuwenden, um die globale Unterdrückung und Ausbeutung zu bekämpfen. Es muß eine klare und eindeutige Unterscheidung zwischen radikal/revolutionären politischen Aktionen einerseits und Terrorismus andrerseits gemacht werden, ganz gleich ob die Gründe, die die terroristischen Aktionen inspirieren, gerecht sind. Offene und totale Angriffe auf zivile Ziele fördern keine radikalen/revolutionären Anliegen und müssen zurückgewiesen werden. Vielmehr richten sich solche Angriffe zwangsläufig gegen die breite Masse, schwächen jede vorhandene Unterstützung und helfen, erhöhte Unterdrückungsniveaus durch den Imperialistenstaat gegen jede fortschrittlich/radikale/revolutionäre politische Aktivität zu legitimieren, einschließlich zunehmender Einschränkungen bürgerlicher Rechte .

Wir hören schon in den Stimmen jener, die die Macht haben, Aufrufe nach Vergeltung und Krieg. Aber Krieg und Vergeltung ohne genaues Ziel und blindes Zuschlagen ist nichts anderes als eigennütziger Hurrapatriotismus. Dies könnten unterschiedslose Bomben- oder Raketenangriffe wie der gegen das sudanesische pharmazeutische Labor vor zwei Jahre bedeuten, bei dem sich später herausstellte, daß es mit keiner Art terroristischer Aktivität zu tun hatte.

Die durch die terroristischen Akte am 11. September deutlich gewordenen Gefahren beschränken sich nicht auf die externe Drohung. Wir hören in Fernsehn und Radio Aufrufe die Gesetze und Bestimmungen zu ändern, um es leichter zu machen, Überwachung und verdeckte Operationen gegen potentielle Opponenten der USA auszuführen. Anstatt irgend etwas zu tun, was die Bedrohung durch den Terrorismus reduziert, eliminieren solche Schritte grundlegende bürgerliche Freiheiten und verstärken die vorhandene Tendenz zu einem rassistischen und Klassen-Polizeistaat. Die Polizei ist schon außer Kontrolle und wütet in den Communities im ganzen Land. Wir können es uns nicht leisten, weiter ihr undemokratisches und oft mordgieriges Verhalten im Namen nationaler Sicherheit zuzulassen.

Wir sollten hier hinzufügen, daß die Terrorangriffe auch der wachsenden antikapitalistischen Globalisierungsbewegung potentiellen Schaden gebracht haben. Die herrschende Klasse hat sich seit Monaten über die Demonstrationen beklagt, die die Versammlungen der kapitalistischem Globalisierer begleiten. Sie haben gemerkt, daß diese Demonstrationen zunehmend außer Kontrolle gehen. Es steht außer Frage, daß die Ereignisse vom 11. September als Vorwand verwendet werden, sowohl um solche Aktivität zu entmutigen als auch jegliche Empörung gegen die neoliberale Globalisierung auszuschalten.

Zudem ist es in Momenten wie diesen kritisch, daß wir als Menschen kämpfen und der allgemeinen Neigung zum Rassismus, und uns zu Sündenböcken zu machen, Widerstand leisten. Fast vom Moment des ersten Angriffs auf das Welthandelszentrum hat es innerhalb der Medien eine Vermutung gegeben, daß hinter den Angriffen Araber oder moslemische Fundamentalisten steckten. Die Reaktion auf die Angriffe erinnert daran, was wir direkt nach den Bomben von Oklahoma miterlebten. Es gab eine verbreitete Annahme, daß Araber oder Moslems hinter dem Angriff auf das Bundesbürogebäude steckten. Nur wenige Beobachter des Establishments erwarteten oder ließen die Öffentlichkeit erwarten, daß der Terrorist ein "homegrown", ein weißer amerikanischer Rechter sein könnte.

Deshalb ist es wichtig, sich mit seinem Urteil zurückzuhalten, bis eine gründliche Untersuchung durchgeführt ist. Dies ist besonders wichtig wegen die Anti-Palästinenser/Anti-Araber/Anti-Moslem-Haltung der Medien. Die automatische Annahme der US-Medien ist, daß Palästinenser insbesondere und Araber im allgemeinen Tiere sind, oder am besten Fanatiker ohne Bedürfnis nach menschlichem Leben. Der gerechten und rechtschaffenen palästinensischen Sache wird in den Medien selten glaubwürdig Zeit gegeben, und wenn, dann wird sie im allgemeinen von angeblich objektiven (aber tatsächlich pro-israelischen) Kommentatoren abgewiesen. Deshalb müssen wir in der gegenwärtigen Situation des Entsetzens nach diesen kriminellen Taten aktiv auftreten gegen jegliche Hexenjagd und Vorverurteilung, wenn es dazu kommt.

Und noch eine Gefahr, mit der wir es zu tun haben, wird die Fremdenangst und ein allgemein ablehnendes Gefühl gegen Immigranten sein. Dies wird fast zwangsläufig farbige Immigranten und besonders jenen treffen, die "aussehen", als kämen sie aus dem mittleren Osten (Nordafrika). Mit den Angriffen auf Immigranten und der Verurteilung ganzer Gemeinschaften muß aufgehört werden, bevor sie außer Kontrolle geraten. Wir erleben bereits einiges in der Art wie zahlreiche Berichten über an arabische und moslemische Institutionen gesandte anonyme Morddrohungen, wie das Sprühen rassistischer Parolen und direkter, persönlicher Drohungen und Angriffe auf Personen, von denen angenommen wird, daß sie aus dem Nahen Osten (Nordafrika) stammen. Wir bitten alle klardenkenden Menschen, in dieser Zeit besonders wachsam zu sein, daß es in Folge dieser Tragödie nicht zu einer anderen Tragödie von Schmerz, Ärger und Haß kommt. Wirklicher Antirassismus könnte bedeuten, daß wir selbst physische Risiken eingehen, um Araber und Moslems gegen ungerechtfertigte Angriffe zu verteidigen.

Das Schwarze Amerika darf schließlich nicht über den horrenden Verlust menschlichen Lebens hinwegsehen noch gleichgültig sein, was sich aus dieser Tragödie ergibt, noch können wir erlauben, daß diese schrecklichen Taten als Entschuldigung verwendet werden, um weiter arabische Amerikaner, Moslems oder jene zu unterdrücken, die sich als Gegner der kapitalistischer Globalisierung verstehen.
Als ein Volk, das über 400 Jahre Ausrottung und Unterdrückung an diesen Küsten überlebt hat, sind wir alle zu vertraut mit dem von Terrorismus und Rassenhaß verursachten Leiden. Von den Verstümmelungen, Schlägen und Vergewaltigungen in der Sklaverei zu den New Yorker Ausschreitungen von 1863, zum post- Reconstruction-Terrorismus des Klu Klux Klan, zu den Rassenkrawallen in Tulsa von 1921, zu dem von der Regierung geförderten Spionageabwehr-Programm (COINTELPRO) der 1960er, zu den derzeitigen vom Staat sanktionierten Polizeimorden und Brutalität, gegen die wir heute kämpfen, haben wir als schwarze Menschen eine Menge Erfahrung mit den Schrecken des Terrorismus in den USA, da er zu häufig gegen uns gerichtet war. Darum müssen wir unsere volle und uneingeschränkte Unterstützung und Mitleid mit allen jenen zeigen, die wegen dieser fürchterlichen Tragödie leiden, die meisten von ihnen haben den Terrorismus zum ersten Mal erfahren, während wir nur unseren 400-jährigen Kampf fortsetzen, um uns von diesem Übel sowohl hierzulande wie in der ganzen Welt zu befreien.

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Unheilvolle Perspektive
Erste und Dritte Welt sind näher zusammengerückt.
Von Michael Albert, Z-Net 13.09.2001

Eine einfache Aufzählung der Ereignisse des Tages wäre überflüssig. Die bekannten Fakten kann man in jedem Fernsehsender sehen. Die Schlußfolgerungen sind ziemlich offensichtlich. Nach Routinestarts waren am Dienstag vier Passagiermaschinen gleichzeitig von Terrorteams gekapert und auf dramatisch andere Flugbahnen gebracht worden, um auf diese Weise vorher ausgesuchte Ziele zu zerstören. Der Umfang der Zerstörung ist noch nicht genau bekannt, aber er ist zweifellos entsetzlich. Was anders kann man daraus schließen, als daß verheerende, selbstmörderische Terrorangriffe jederzeit machbar sind? Wolkenkratzer in den USA oder in anderen entwickelten Ländern zu vernichten, ist zwar schwieriger, als mit US-Bombern in ausgesuchten Staaten Städte zu bombardieren, aber es ist bei weitem nicht unmöglich.

Gutherzige Amerikaner werden die unschuldigen und schrecklichen Todesfälle mit Würde beweinen. Medienanalytiker und Politiker werden dagegen schon bald die Bilder von den Schutthaufen benutzen, um mehr Geld für die Polizei und das Militär zu bekommen, damit die staatlichen Interventions- und Überwachungsfähigkeiten verbessert werden können. Sie werden das Lied anstimmen, daß das Töten von Zivilisten feige ist und einer schnellen und gnadenlosen Bestrafung bedarf. Dabei werden sie natürlich geflissentlich übersehen, daß sie selbst den Angriff auf Jugoslawien unterstützt haben, der die zivile Bevölkerung dieses Landes terrorisiert hat, nur um eine verachtete Regierung zu stürzen. Sie werden auch die Tatsache ignorieren, daß das von den USA geführte Embargo gegen Irak Hunderttausende von zivilen Toten verursacht hat, wiederum nur, um eine verhaßte Regierung zu destabilisieren.

Der Terroranschlag am Dienstag war abscheulich und widerwärtig. Aber überall in der Dritten Welt gibt es Menschen, deren Schicksal schon lange in den Händen ferner Herrscher liegt. Diplomaten und Unternehmer aus der Ersten Welt verfolgen dort jahrein, jahraus ihre Macht- und Profitgelüste und verursachen auf diese Weise in der Dritten Welt ein schier unermeßliches Elend. Aufgrund unserer großen Distanz zu den Opfern und der endlosen Vernebelungstaktik der Massenmedien über die Situation der Menschen dort, können wir als Bürger der Ersten Welt es nicht begreifen, daß es sich um nichts anderes als Mord handelt, wenn Millionen Menschen verhungern, nur weil die Geschicke eines armen Landes ausschließlich zur Vermehrung des Profits des multinationalen Kapitals gesteuert werden. Aber das ist und bleibt Mord.

Für viel zu lange Zeit mußten nun die Völker der Dritten Welt in fast totaler Abhängigkeit von den Entscheidungen weit entfernt lebender, herrischer Gebieter leben, denen ihre Zukunft egal ist. Bis zu einem gewissen Grad sind nun die gleichen abgrundtiefen Bedingungen bei den Menschen in den entwickelten Ländern angekommen. Jene, die bei den Angriffen in den USA starben, wurden ebenfalls Opfer von Entscheidungen, die weit weg von ihnen von Akteuren getroffen worden waren, denen es egal war, welches Massaker sie anrichteten. Von nun an werden die Menschen der Ersten Welt zwar nicht die menschenunwürdigen Bedingungen und die tägliche Armut der Dritten Welt teilen, aber dafür etwas von der Furcht, von anderen als Geisel gehalten zu werden. Bei dem Versuch, diese Situation zu überwinden, aber hauptsächlich, um ihre bereits grotesk aufgeblähte Macht noch weiter zu vergrößern, werden die Führer der Ersten Welt in den kommenden Wochen die Errungenschaften von Jahrzehnen auf den Gebieten der Bürgerrechte und der Zivilgesellschaft in Frage stellen. Sie werden versuchen, die Uhr der Freiheit zurückzustellen.

Kann irgend etwas das Massaker des Kapitals, das Massaker des Terrorismus und das Massaker der repressiven Reaktion eindämmen? Unsere beste Hoffnung beruht darin, institutionelle Veränderungen zu erreichen, die Profitsuche und politische Unterordnung reduzieren, während zugleich der Wunsch nach sinnlosem und menschenverachtendem Terrorismus verringert wird.

In den kommenden Wochen werden wir in Amerika womöglich eine Art von Zeremonie erleben, die Sicherheit und Macht feiert. Eine Zeremonie, die geheime Informationsbeschaffung feiert, die Beschaffung neuer Waffen feiert und vielleicht sogar Mordanschläge. All das wird als rechtschaffenes Ziel dargestellt werden, so als ob die Opfer des Terrors mit dem Versuch, noch mehr unschuldige Menschen rund um die Welt umzubringen, geehrt statt besudelt werden würden.

Normale, gutherzige Amerikaner werden über den Schmerz, den die heutigen Ereignisse verursacht haben, weinen. Sie hoffen auf eine Welt, in der solch ein Haß und solch eine Kaltherzigkeit verschwindet. Aber ich fürchte, daß die Führer Amerikas zynisch Munitionsgürtel höher schnallen, während sie versuchen, überall ihre Wanzen zum Mithören anzubringen und darüber nachdenken, wie man die Bürgerrechte am schnellsten in der Müllverbrennungsanlage entsorgt.

In diesem Klima müssen alle Menschen guten Willens so oft wie möglich erklären, daß Terrorismus abscheulich und geisteskrank ist, aber zugleich ist das auch der Kapitalismus. Wir dürfen keine Angst haben, eine andere Meinung zu haben, sondern statt dessen müssen wir noch härter daran arbeiten, uns allen Formen von Ungerechtigkeit zu widersetzen und sie mit großen, öffentlichen Demonstrationen und zivilem Ungehorsam zu bekämpfen.

Übersetzung: Rainer Rupp

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Ein Geschenk für die Rechte
Zu befürchtende Folgen der Bombenangriffe in den USA
Von Noam Chomsky (13,9,2001)

Die terroristischen Angriffe auf die USA gehören in die Kategorie der bedeutenden Greueltaten. In ihrem Umfang erreichen sie aber möglicherweise nicht die Bedeutung vieler anderer Greueltaten, wie zum Beispiel die Bombardierung des Sudans durch US-Präsident William Clinton. Ohne glaubwürdigen Vorwand wurde damals die Hälfte der pharmazeutische Produktion des Landes zerstört, was für eine große, aber unbekannte Zahl von Menschen den Tod bedeutete. - Niemand kennt die genaue Zahl, weil die USA eine entsprechende Anfrage in der UNO blockierten und auch niemand Wert darauf legt, die Frage weiter zu verfolgen. - Um nicht von noch viel schlimmeren Fällen zu sprechen, an die man sich leicht erinnert.

Daß es sich bei den Angriffen auf New York und Washington um ein abscheuliches Verbrechen handelt, steht außer Zweifel. Die meisten Opfer kommen aus der arbeitenden Bevölkerung: Hausmeister, Sekretärinnen, Feuerwehrmänner, usw. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird sich der Anschlag auch für die Palästinenser und andere arme und unterdrückte Völker als vernichtender Schlag erweisen. Wahrscheinlich ist auch, daß dies zu verschärften Sicherheitsmaßnahmen und Kontrollen führen wird, möglicherweise mit vielfältigen Auswirkungen zur Untergrabung der Bürgerrechte und der innerstaatlichen Freiheiten.

Die Ereignisse decken auch auf dramatische Weise die Dummheit des Projektes für die "Nationale Raketenverteidigung" (NMD) auf. Von Anfang an war es offensichtlich und es war auch immer wieder von strategischen Analytikern betont worden, daß es in hohem Maße unwahrscheinlich ist, daß, wenn jemand den Vereinigten Staaten unermeßlichen Schaden zufügen will - einschließlich des Einsatzes von Massenvernichtungswaffen - er dies nicht mit einem Raketenangriff versuchen wird, wodurch seine eigene sofortigen Zerstörung garantiert wäre.

Statt dessen gibt es unzählig viele einfachere Methoden, die im Grunde genommen nicht aufzuhalten sind. Aber die jüngsten Ereignisse werden sehr wahrscheinlich dazu ausgenutzt werden, um den politischen Druck zur Entwicklung und Dislozierung des NMD-Systems noch zu verstärken. "Verteidigung" ist ein fadenscheiniger Vorwand für die Pläne zur Militarisierung des Weltraums. Und mit guten Public Relations werden sogar die dünnsten Argumente in der erschreckten Öffentlichkeit Gewicht bekommen. Mit anderen Worten, das Verbrechen ist ein Geschenk für die chauvinistische, hurrapatriotische Rechte, für all jene, die nur darauf warten, Gewalt einsetzen zu können um ihre Interessen zu schützen.

Die wahrscheinliche Reaktion der USA wird jedoch nur noch mehr Angriffe wie diese - oder noch schlimmere - auslösen. Jetzt erscheinen die Aussichten für die Zukunft sogar noch ominöser, als sie es vor den jüngsten Greueltaten waren. Wenn es darum geht, wie wir reagieren sollen, dann haben wir eine Wahl. Wir können unserem gerechtfertigten Horror Ausdruck verleihen, oder wir können versuchen zu verstehen, was die Gründe für diese Verbrechen sind; was dazu geführt hat.

Das bedeutet, daß wir uns bemühen müssen, uns in die Vorstellungswelt der potentiellen Täter zu begeben. Falls wir den zweiten Weg wählen, dann können wir - meiner Meinung nach - nichts besseres tun, als uns die Worte von Robert Fisk zu verinnerlichen, dessen direkte Kenntnisse und dessen großer Einblick in die Probleme der Region nach vielen Jahren hervorragender Berichterstattung nicht zu übertreffen sind. Nachdem er "die Gemeinheiten und ungemeinen Grausamkeiten gegen ein unterdrücktes Volk", die Palästinenser, beschrieben hat, fährt er fort: "Dies ist nicht der Krieg der Demokratie gegen den Terror, was der Weltöffentlichkeit in den nächsten Tagen glaubhaft gemacht werden soll. Vielmehr geht es hier um amerikanische Raketen, die ein palästinensisches Haus zerstören, es geht auch um US-Hubschrauber, die 1996 Raketen auf libanesische Krankenwagen abfeuerten, und es geht um amerikanische Granaten, die im Dorf mit dem Namen Qana einschlugen, und es geht um libanesisch-christliche Milizen, die - von Amerikas israelischem Verbündeten bezahlt und uniformiert - sich hackend, raubend, vergewaltigend und mordend ihren Weg durch Flüchtlingslager bahnten. Und es geht noch um viel mehr."

Nochmals, wir haben eine Wahl: Wir können entweder versuchen zu verstehen oder es bleiben lassen, um damit jedoch die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, daß noch viel schlimmeres auf uns zukommen wird.

(Übersetzung: Rainer Rupp)

Noam Chomsky ist Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und einer der prominentesten Kritiker der Außenpolitik seines Landes. Den Beitrag entnahmen wir dem Internet-Magazin ZNet

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RACHE
Von Howard Zinn

Die Fernsehbilder waren herzzerreißend. Brennende Menschen, die aus dem hundertsten Stockwerk in den Tod sprangen. Menschen in Panik und Todesfurcht rennen um ihr Leben, eingehüllt in Staub und Rauch. Wir wissen, tausende sind dort lebend begraben, werden aber bald tot unter einem Trümmerberg liegen. Wir können uns die Todesfurcht der Flugzeugpassagiere in den entführten Flugzeugen vorstellen, als sie den Aufprall, das Feuer, das Ende voraus ahnten. Diese Szenen erschreckten mich und machten mich krank.

Danach sahen wir unsere Politiker im Fernsehen. Wieder war ich erschrocken und wie gelähmt. Die Politiker sprachen von Vergeltung, Rache und Bestrafung. Wir sind im Krieg, sagten sie. Ich dachte, sie haben aus der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, aus den hundert Jahren der Vergeltung, Krieg und Rache nichts gelernt, absolut nichts - den hundert Jahren des Terrorismus und kontra-Terrorismus, den hundert Jahren der Gewalt und Gegengewalt und dem unendlichen Zyklus der Dummheit.

Wir alle fühlen den furchtbaren Zorn gegen diejenigen, die in der irrsinnigen Idee, es würde ihrer Sache helfen, tausende unschuldiger Menschen getötet haben. Aber was tun wir mit unserem Zorn? Werden wir in Panik reagieren, schlagen wir los, gewalttätig und blind, nur um zu zeigen wie stark wir sind? "Wir werden keinen Unterschied machen zwischen Terroristen und den Ländern die Terroristen beherbergen", erklärte unser Präsident. Werden wir jetzt Afghanistan bombardieren und unvermeidlich unschuldige Menschen töten? Dies liegt nämlich in der Natur des bombardierens, keinen Unterschied zu machen zwischen unschuldigen Menschen und Terroristen. Werden wir dann terroristische Aktionen vollbringen um, "den Terroristen eine Botschaft zu überbringen", wie es so schön heißt?

Wir haben dies schon in der Vergangenheit getan. Es ist die alte Art zu denken, der alte Weg zu handeln. Nie hat es funktioniert. Reagan bombardierte Lybien. Bush erklärte dem Irak den Krieg und Clinton bombardierte Afghanistan und eine Arzneimittelfabrik im Sudan, um den Terroristen eine "Botschaft zu überbringen". Und nun kommt dieses Entsetzen nach New York und Washington. Ist es denn immer noch nicht klar, dass es mit einer "Botschaft an Terroristen senden" nicht getan ist. Es funktioniert nicht. Es führt nur zu mehr Terrorismus.

Haben wir aus dem Israel-Palästina-Konflikt nichts gelernt? Palästinensische Autobomben bewirken Luft und Panzerangriffe durch Israel. So geht das schon über Jahre. Es funktioniert nicht und unschuldige Menschen sterben auf beiden Seiten.

Jawohl, dies ist die alte Art des Denkens und wir brauchen ein neues Denken. Wir müssen über die Opfer weltweiter amerikanischer Militäraktionen nachdenken und über den Zorn den wir dadurch auf uns geladen haben. Die terroristischen Luftangriffe auf vietnamesische Dörfer mit Napalm und Cluster-Bomben. Wir unterstützten Diktatoren und Todesschwadronen in Chile und El Salvador und anderen latein amerikanischen Ländern. Eine Million Menschen starben im Irak durch unsere Wirtschaftblockade und, vielleicht am wichtigsten um die derzeitige Situation zu verstehen, sollten wir an die besetzten Gebiete auf der West-Bank und Gaza denken, wo über eine Million Palästinenser unter einer grausamen militärischen Besatzung leben, währenddessen unsere Regierung High-tech Waffen an Israel liefert.

Wir müssen uns darüber im klaren sein, dass die furchtbaren Bilder von Tod und Leiden, die uns jetzt auf unseren Fernsehbildschirmen begegnen, schon lange Realität in anderen Teilen dieser Erde sind. Erst jetzt können wir anfangen zu begreifen, was andere Menschen erleiden mussten, oft auch als Resultat unserer Politik. Wir müssen verstehen lernen wie einige dieser Menschen, über eine stille Wut hinaus, zu Terrorangriffen bewogen werden.

Wir brauchen neue Wege des Denkens. Unser 300-Milliarden Militärhaushalt hat uns keine Sicherheit gegeben. Unsere über die ganze Welt hinaus verstreuten Militärbasen, unsere Kriegsschiffe auf allen Meeren der Welt haben uns nicht sicherer gemacht. Ein Raketenabwehrsystem wird uns keine Sicherheit geben. Wir müssen unsere Position in dieser Welt überdenken. Wir müssen aufhören, Waffen an Länder zu liefern, die andere oder ihre eigenen Bürger unterdrücken. Wir müssen uns entschließen keinen Krieg zu führen, egal welcher Grund auch dafür von Politikern und Media heraufbeschworen wird. Krieg in unserer Zeit trifft immer wahllos Unschuldige. Krieg ist Terrorismus, verstärkt um das hundertfache.

Wir werden nur in Sicherheit leben können, indem wir unseren nationalen Reichtum nicht für Kanonen, Flugzeuge und Bomben einsetzen, sondern für die Gesundheit und Fürsorge unserer Menschen. Wir brauchen eine kostenlose Gesundheitsfürsorge, garantierte Ausbildung und Behausung, anständige Löhne und eine saubere Umwelt für alle. Wir können nicht in Sicherheit leben indem wir unsere Freiheiten limitieren, wie es einige unserer Politiker verlangen, sondern nur indem wir sie erweitern.

Wir dürfen uns nicht unsere Militärs und politischen Führer, die Rache und Krieg schreien als Beispiel nehmen. Nein, wir sollten uns die Ärzte, Krankenschwestern, Medizinstudenten, die Feuerwehrleute und Polizisten, die mitten im Chaoes Menschenleben retteten als Vorbild nehmen. Ihre ersten Gedanken waren nicht Gewalt, sondern Heilung, nicht Rache sondern Mitleid.