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Aufruf zur Intellektuellen SelbstverteidigungDas Medienkartell, das sich gerade von den USA abnabelt, arbeitet auch weiterhin nicht an der Befreiung sondern an der Kontrolle der Köpfe, und es steht dabei zwar nicht im Dienst einer kapitalistischen Weltverschwörung, wie manche Medienzaren vielleicht den Eindruck erwecken, sondern es folgt seiner Strategie der Konsumentenbindung, wobei der Medienindustrie eine besondere Rolle bei der Produktion solcher Konsumsklaven zukommt, denn die Publikumsentscheidung für oder gegen ein Produkt auf dem freien Medienmarkt läßt sich nur durch ausgefeilte Manipulation und Kontrolle langfristig steuern, zu welchem Zweck alle Arten politischer Vorurteile, Antiamerikanismus und Antiislamismus, Konservatismus, musikalische Geschmacklosigkeit, die Prägung auf Ikea, White Trash und bestimmte Turnschuhe usw. erzeugt werden. Die Konsumentenbindung und Konsumsklaverei als hervorragendes Mittel der auf Wachstum ausgerichteten Medienwirtschaft erzeugt vor allem aber politische Konformität und Repression - so einfach ist das!
Auf die politische Konformität der Medien will ich, weil sie geradezu lebensgefährlich ist, im folgenden eingehen. Es ist eine Zensur mit andern Mitteln, und Zensor ist nicht mehr der Staatsschützer sondern der Kapitalschützer, der verhindert, daß die Jubelpresse in die Tonne gesteckt und ZDF und alle Kanäle einfach abgedreht werden. Anschließend will ich erklären, was intellektuelle Selbstverteidigung bedeutet.
DIE TONANGEBENDE PRESSE IM MEDIENKARTELL
In Anbetracht der geistigen Unfreiheit in der westlichen Welt, deren relative Freiheit ich zwar nicht kleinreden will, wende ich mich gegen die skandalöse Gleichschaltung der westlichen Presse und das bisher als solches kaum beachtete fundamental-kapitalistische Medienkartell mit seinem derzeitigen demagogischen Kriegsjournalismus, dem sich 99,9% der Journalisten, und zwar auch in den Intelligenzblättern, oder wie sie sich jetzt vorsichtiger zu nennen belieben, Qualitätszeitungen, unterwerfen. Von Boulevard- und Provinzpresse bis zur heimischen NOZ will ich nicht reden, da sie nicht den Ton des konservativen und restriktiven Diskurses angeben, allerdings ist auch die tonangebende Berichterstattung von FR, FAZ, SZ, Zeit, Spiegel, Taz nicht sonderlich intelligent und qualifiziert, und die mehr oder weniger expliziten Parteiorgane wie Neues Deutschland, Jungle World oder Rheinische Post haben als Stimme ihrer Herrn, Parteichefs und Kapitaleigener nicht wirklich eine eigene Stimme, es ist immer dasselbe konforme Zeug, so wie eine andre Partei oder Kirche die Regierungsgeschäfte kein bißchen anders führen würde.
Daß sich die Medien zur Zeit bis auf einige ultrakonservative Welt- und Bildzeitungen ziemlich friedliebend geben, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß ihre kommerzielle Priorität weiterhin verlangt, die Leser und Hörer zu manipulieren und für ihre Ziele nutzbar zu machen. Diesmal mußten sie sich allerdings der Antikriegsstimmung in Europa beugen, die sie ganz bestimmt nicht selbst herbeigeschrieben haben, jeder dürfte das irgendwie registriert haben, wie das gesamte Medienkartell in Deutschland um die Jahreswende einen Schwenk vollzogen hat, spätestens bei der Berliner Demo am 15,2,03. Mancher wird aufgeatmet haben, und andere werden diesen allzu auffällige Gesinnungswandel der veröffentlichten Meinung widerlich finden. Übrigens weiß ich auch von einigen, die unter der publizistischen Kriegshetze seit letztem Herbst regelrecht körperlich gelitten haben, etwa in der Art: warum sagt hier niemand, was ich denke, bin ich denn ganz allein?
Um nur von der tonangebenden Presse zu reden, alle, FAZ, SZ, FR, Zeit usw haben dieselbe tendenziöse, kriegstreiberische Polemik veröffentlicht, zB mußte der Spiegel, unter dem pikanten Vorwand, daß Wolf Biermann früher mal Pazifist war ("Soldaten sind sich alle gleich, lebendig und als Leich"), ihm 4 Seiten für seine Elogen auf die USA und den Spott auf die Pazifisten geben, wobei ich mich immer noch wundere, wie jemand der selbst mal verfolgt wurde, so ohne weiteres fähig ist heutige politische Aktivisten zu diffamieren. Inzwischen empfinde ich ziemlichen Ekel vor Biermann, wenn er die Demonstranten vom 15,2, allesamt als Hurra-Pazifisten und antiamerikanische Nationalpazifisten bezeichnet. Und daß er nicht mal seine selbsterlebte Geschichte begriffen hat, zeigt die Behauptung, daß die "Entlassung der DDR aus dem sowjetischen Völkergefängnis" der amerikanischen militärischen Stärke zu verdanken sei, womit er seine autoritätsfixierte Sichtweise zu erkennen gibt, daß nicht von unten sondern von oben die sozialen und politischen Veränderungen kämen. Tatsächlich aber, das sollte man eigentlich wissen, sind die da oben nur interessiert, daß alles so bleibt wie es ist, und die Veränderungen kommen stets von unten. Naja, irgendwie stelle ich mir vor, daß jemand im Hintergrund der Spiegelredaktion sich heimlich die Hände reibt, weil ein anderer diesen Scheißjob der Beschimpfung der Pazifisten übernommen hat - auch die redaktionelle Politik des Spiegel ist übel! Mit Diskurs hat das überhaupt nichts zu tun, eigentlich ist die Biermannaktion nur ein gutes Beispiel für die nur kommerziellen Absichten bei der Auswahl von Autoren, die nicht kompetent sind, aber der intriganten Medienpolitik nützen.
Man hat den Eindruck, die Zeitungen schreiben alle voneinander ab, insbesondere die Lokalpresse bei der tonangebenden überregionalen Presse, der auch Radio und TV folgen, weil das geschriebene Wort mehr Gewicht hat als Bild und Ton. Aber auch die Überregionalen passen genau auf, was die Konkurrenz macht und halten sich meisten an die unausgesprochen vereinbarten Regeln, so geißelten sie unisono noch kürzlich den "pazifistischen Alleingang" von Schröder bei seiner Ablehnung des Krieges gegen den Irak, aber es ist schlimmer, sie schreiben nicht ab, sondern sie trauen sich nicht eine einmal vorgegebene Argumentationslinie zu verlassen. Mir wurde es irgendwann richtig peinlich zu sehen, wie ein Autor in der Zeit oder TAZ zum 100. Mal mit dem abgegriffenen Diplomatieargument ankam, und wie naiv Schröder sei. Meines Wissens hat Schröder seine undiplomatische Friedensforderung gar nicht so oft erhoben, die Naivität liegt also auf Seiten der sich gebetsmühlenhaft wiederholenden Kommentatoren und andern Journalisten, die erst damit aufhörten, als sie merkten, welchen Zuspruch diese Politik aus dem Ausland bekam. Aber Naivität ist es nicht eigentlich, was den medienapparattragenden Journalismus kennzeichnet, sondern eine charakterschwache Subordination, Stiefel sind nicht mehr da, die diese Medienlumpen lecken könnten, jetzt lecken sie ihre Mikrophone und Kontoauszüge.
ANPASSUNGSDRUCK AUF BEWEGUNGSNAHE MEDIEN
Damit das klar ist, auch etliche Autoren der linken Tageszeitung TAZ schließe ich darin ein, die wiederholt und gegen besseres Wissen (sie könnten es wissen!) die Friedensdemonstranten wie eine dumpfe Masse, die des Denkens unfähig sei, verunglimpft haben. Ich bin öfter auf Demonstrationen und nehme die Menschen immer als jeder für sich stehende Individuen wahr, jeder weiß warum er hingeht, jeder hat seine eigenen Überzeugungen und Absichten. Da Gleichmacherei zu betreiben ist Demagogie, die ein Stoiber nicht anders draufhat als die Autoren in der Jungleworld oder einem religiösen Käseblatt. Woher kommt die Mißachtung von Menschen auf der Straße? Was für eine Arroganz erlauben sich die Journalisten bzw Kommentatoren, zumal sie oft gar nicht dabeigewesen sind, und nur aus der bequemen Distanz des Fernsehsessels darüber herziehen? Woher beziehen die Medien eigentlich ihre Informationen? Genau, das muß man sich mal klarmachen, daß der Medienapparat bloß eine großorganisierte Abschreiberei ist. Ihre Informationen beziehen sie vor allem von den Agenturen, und diese haben ihre Berichterstatter bei den Pressestellen der Regierungen und großen Institutionen, wie Kirchen und Gewerkschaften, das heißt, was nicht von solchen Zentren der Macht kommt, hat kaum eine Chance Nachricht zu werden. Zusätzlich zu dieser faulen Informationsbeschaffung füllen die Medien ihre Seiten und Sendeminuten mit 50% und mehr Selbstdarstellungen, feiern einen ihrer Journalisten oder Firmenchefs, skandalieren eine anstößige Seite vom Konkurrenzblatt, oder stricken an einer Desinformationskampagne wie Deutschlands Superstar. Es ist nicht viel los im Blätterwald.
Vielleicht sind das Volontäre, die bei Gelegenheit ihrer Tiraden erst zu schreiben lernen, jedenfalls ist es unqualifiziert und geradezu widersinnig, wenn auf derselben Seite der Taz ein Soziologe zur Friedensbewegung interviewt wird und erklärt, daß der neue Massenprotest noch keine Bewegung darstelle, weil ihm entsprechende organisatorische Strukturen fehlten, und dann darf ein ahnungsloser Kommentator sich regelrecht auskotzen und über eine Bewegung herfallen, von der er überhaupt nicht begreift, daß es spontaner Massenprotest ist. Derartige Verwirrung ist aber gewollt, sie findet in der ganzen meinungsführenden Presse ständig statt, und ich kann nicht erkennen, welche Ausnahme die linke Tageszeitung da wäre. Die Methode der zynischen Verzerrung oder Kommentierung der Positionen von Basisinititiativen ist eine allgemein übliche und ermöglicht den Redaktionen zu behaupten, sie hätten es ja veröffentlicht und düften nur nicht den Eindruck erwecken, selbst so zu denken, das sei journalistisch fragwürdig usw. Offenbar sind Journalisten, die so willfährig berichterstatten (99.9%), die ergebenen Helfer der heutigen Zensur, und während früher der Zensor noch mit der Schere kam, haben sie heute die Schere im Kopf, sie haben die Zensur verinnerlicht.
Auch die Synchronizität, wie alle Medien am Tag nach Bagdads Fall in einen Gratulantenchor für die Amis einstimmen, während sie zuvor US-kritisch berichtet haben, ist Beleg dafür, daß sich alle Redaktionen an einen publizistischen Codex halten, also Gleichschaltung. Und auch die TAZ macht mit, Titel: "Goodbye Saddam Hussein", und darunter ganz groß das bis zum Überdruß bekannte Propagandafoto vom Sturz der Saddam-Statue, anstatt dem allgemeinen Siegesgeheul die Frage entgegenzusetzen, was denn nun mit der Bevölkerung von Bagdad sei. Diese Übereinstimmung der Titelseiten übrigens nicht nur der deutschen sondern fast aller europäischen Zeitungen, ohne daß ein Politbüro oder ein Medienkapitalist das befiehlt - das nenne ich Medienkartell!
Und was ist mit den bewegungsnahen Medien, den linksradikalen oder sonstwie engagierten Blättern? Über die Graswurzel habe ich mich schon früher einmal ausführlich geäußert, bei Jungleworld und Konkret kann ich wegen ihrer antideutschen Haltung eine subtile staatstragende Funktion, nämlich pro Israel und neuerdings pro USA nicht übersehen. Die Jungleworld ist zB schon lange durch ihre kriegsbefürwortenden Veröffentlichungen hervorgetreten, und zwar mit einem Eifer und dabei einer Verunglimpfung der arabischen Welt, die einen gefährlichen Rassismus heraufbeschwört - ähnliches hat Uri Avnery dem Konkretherausgeber Gremlitza vorgeworfen. Im Februar 2003 beklagten sich 23 Autoren und Leser der Jungleworld in einem offenen Brief, der nur gekürzt und entstellt und hämisch kommentiert abgedruckt wurde, über die dauernde kriegstreiberische Tendenz in dem Blatt. Aber da gebärden sich die kleinen Redaktionen alle im gleichen machtpolitischen Stil, Graswurzel nicht anders als Contraste, Jungelworld nicht anders als der katholische Rheinische Merkur, denn das Blatt ist Partei, und der Parteijournalismus funktioniert bei den neokonservativen Kommerzblättern letztlich genauso: Loyalität gegenüber der Firma.
Für Jungleworld gibt es die radikalen friedenspolitischen Positionen jenseits von Schröder, Bush, Chirac, PDS und Horst Mahler ebensowenig, wie für den Rheinischen Merkur, der zwar ein katholisches Parteiblatt sein will, aber abgesehn von eingestreuten frommen Sprüchen unverblümt fordert, daß die USA mit eiserner Faust am Tigris herrschen müßten, über den Islam titeln sie sogar "Rattenfänger aus Mekka". Jungleworld dagegen äußert "die Hoffnung, die Kein Blut für Öl-Bewegung möge daran scheitern, daß sich im US-Establishment jene durchsetzen" die den Krieg wollen. Alle sind sie fixiert auf die vermeintlich Großen im politischen Geschäft und ihre Meinungsführerschaft, und wir kleinen Protestler gelten nur als Manövriermasse der Parteien, der Achsen und der Guten und Bösen. Einfach gestrickter Journalismus, die Autoren kommen nicht mehr raus aus dem repressiven Muster des Medienkartells. Um die Zensur bei der Konkurrenz zu bekämpfen, wenden sie dieselbe redaktionelle Zensur an. Die Kampfmittel des Gegner färben ab, Jungleworld wünscht sich eine ebenso unkritische, konsumfreudige Leserbindung wie der Rheinische Merkur und der Spiegel. Irgendwie kann ich schon verstehen, warum die Leselust und Lesefähigkeit bei der jungen Generation politischer Aktivisten nachgelassen hat.
INTELLEKTUELLE SELBSTVERTEIDIGUNG
Meine Kritik des Meinungskartells ist nicht unbedingt neu, und das Propagandamodell von Chomsky/Hermann ist schon einige Jahre bekannt, aber die sich daraus ergebende praktische Alternative dürfte so gut wie unbekannt sein, jedenfalls kenn ich in Deutschland nur wenige Leute, die das konsequent und dauerhaft praktizieren als Buch- und Infoladen, Zeitung, Verlag oder Internet. Kurzfristig, so 2-3 Jahre gibt es immer mal wieder ein alternatives Medienprojekt, aber wenn das keine Kontinuität bekommt, sind kurzlebige Projekte sogar schädlich, weil sie die Menschen entmutigen und Strukturen zuerstören. Der Aufbau selbstbestimmter Medienzusammenhänge ist nicht so locker aus dem Handgelenk und mit einer guten Startidee zu haben, oft spiegelt sich der Protest und Widerstand in eben denselben Strukturen, die er bekämpft: in Konkurrenz, Parteilichkeit, Desinteresse gegenüber Außenstehenden, intern aber Eifersucht und Diffamierung und all die häßlichen Zerwürfnisse, die schon Generationen von Widerständlern veranlaßt haben der Szene den Rücken zu kehren - na, wenn das so ist, steig ich aus, im normalen Leben/Familie/Stadtteil/Beruf kann es mir auch nicht übler ergehen als bei meinen politischen Freunden. Aber man muß an sowas nicht scheitern, selbstorganisierte Medien sind möglich und es kann sogar Spaß machen.
Da Zensur sich heute gründlich verändert hat, und zwar zu einer verinnerlichten Schere im Kopf, und der kommerzielle Erfolg als subversiver Anpassungsmechanismus über allem steht, müssen die Projekte der intellektuellen Selbstverteidigung sehr vorsichtig sein. Ich habe mal über die Zensur in den 60-70er Jahren eine große Ausstellung gemacht und bin damit durch Deutschland und nach Amsterdam gereist, von den Kommerzmedien natürlich völlig unbeachtet, aber auch die linken Dogmatiker haben sich viel darüber aufgeregt und sie schließlich sogar zerstört - auch das ist Zensur - der Anpassungsdruck durch restlinke Strukturen funktioniert wie eine Kopie des kapitalistischen Medienkartells. Zensur mag heute nicht mehr so deutlich zutage treten, und es heißt, man dürfe schreiben und sagen was man will, aber es ist gut möglich, im falschen Hotel in Bagdad zu wohnen und als Kollateralschaden zu enden. Oder ich habe erlebt, wie ein Papiergroßhändler und CDU-Mitglied mir kein Papier liefern wollte, weil in seiner Partei natürlich bekannt war, wer auf seiner Druckmaschine das unerwünschte Zeug fabrizierte. Nun ist er allerdings weg vom Fenster, Pleiten, Fusionen, die neue Ökonomie hat ihn abgeräumt. Jedenfalls daß soviel engagierte Leute, die sich einmal der intellektuellen Selbstverteidigung verschrieben hatten, aufgegeben oder sich angepaßt haben, liegt sicher an den subtilen Mitteln der Zensur, an den Galgen kommst du nicht, aber die Existenz wird dir entzogen. Das sind rein marktwirtschaftliche Mechanismen - Zensur, wo? Es reicht wenns keiner kauft, dann wirds nicht publiziert, nicht gedruckt, nicht auf den Markt gebracht.
Aber Intellektuelle Selbstverteidigung ist die Chance, wenn uns die Presse, Radio und Fernsehn mit Propaganda und Unterhaltung das Gehirn zubomben. Edward S. Hermann und Noam Chomsky haben den Begriff intellektuelle Selbstverteidigung als Gebot für geistige Selbständigkeit geprägt, und das bedeutet, wir sollen uns endlich entsprechende Mittel schaffen und nutzen, um uns unabhängig von der Meinungsmaschine zu machen, um unterdrückte Informationen und Diskurse zu veröffentlichen, zu drucken, über freie Radios zu verbreiten, und überhaupt auf jegliche Art darauf aufmerksam zu machen. Ich selbst mach das schon ein paar Jahre, das Drucken macht wirklich Spaß, wenns auch ab und zu einigen Ärger bringt, und ich hab auch einen unversöhnlichen Haß auf die Kommerzjournaille und ihre alternativen Nachahmer, die alles verraten, wofür sie mal angetreten sind. Aber gut, ich werde mich schon nicht darin verzehren, sondern fleißig dagegen arbeiten.
DER NEUE DISKURS
Es ist dringend notwendig eine Diskussion über die US-Politik, über Perspektiven, düstere Aussichten und auch, was historisch wünschenswert wäre, zu führen, darüber was uns hierzulande an Sozialabbau und repressiven Maßnahmen blüht, aber auch welche Ziele wir für erstrebenswert halten, zB eine Grundversorgung für alle. Und realistischerweise haben wir auch darüber nachzudenken, was passiert, wenn das Zentrum der Weltwirtschaft von New York, wohin es sich 1929 von London verlagerte (vorher Amsterdam), nach Europa zurückkommen sollte, was in Anbetracht der neuen Politikfähigkeit der EU nicht unwahrscheinlich ist. Und dann wäre des weiteren zu bedenken, daß in 50 Jahren das nächste Zentrum möglicherweise in Asien liegt, zumal Europa wegen seiner Multinationalität und einem nicht am Meer liegenden Finanzzentrum Frankfurt keine große Stabilität zu bieten hat. Und daß ein solcher Wandel notwendigerweise immer mit großen, aber hoffentlich nicht kriegerischen Umbrüchen verbunden ist. Desweiteren ist zu vermuten, daß die Militarisierung der Gesellschaft mit der durch entsprechende Umverteilung verursachten Armut größerer Teile der Bevölkerung kaum Unruhen hervorrufen wird, weil solche Entbehrungen sich leicht in eine Stimmung gegen äußere Feinde kanalisieren lassen. Dafür sind die USA und England ein gutes Beispiel, und im alten Athen und Sparta war es schon genauso, wie man Thukydides Buch über den Peloponnesischen Krieg entnehmen kann. Das heißt, manche Repressionsmethoden sind so simpel wie wirksam. Was uns in Europa und insbesondere in Deutschland erwartet, wenn eine den USA vergleichbare Streitmacht aufgebaut wird, kann einem Angst machen. Diese Überlegungen den Fachleuten zu überlassen wäre genauso verkehrt, wie bloß an der Tagespolitik oder einer ökonomischen Sichtweise zu kleben. Es sollte gründlich diskutiert, darüber geschrieben und gelesen werden, was eigentlich das amerikanische Rechts- und Wirtschaftssystem ausmacht, welche kulturellen und religiösen Hintergründe der sagenhafte Pioniergeist, die Rücksichtslosigkeit und die Innovationsfähigkeit haben, wie es möglich ist, daß ein Irrer dort Präsident wird, daß Wirtschaftskriminelle die Politik lenken, daß ein enormes Haushaltsdefizit, Dollarschwäche, Pleiten und Bilanzskandale die Regierung nicht stürzen können, wohl aber eine Sexaffäre mit der Sekretärin usw. usw.
Ein Krieg hat immer inflationäre Wirkung, weil er die Produktion behindert, aber der Konsum sich nicht im gleichen Maß einschränken läßt, deswegen sinken an den Börsen fast alle Werte, die nicht unbedingt für die Kriegsproduktion wichtig sind. Und wer nach dem Krieg die richtigen Aktien besitzt, weiß man vorher nie, selbst wenn einer so schlau ist, die der Sieger früh genug billig einzukaufen, denn sich die Reichtümer und Bodenschätze anderer Nationen anzueigenen ist nicht dasselbe, wie Reichtümer oder auch nur das Lebensnotwendige selbst herzustellen. Während die fundamentalistischen Neokonservativen um Bush/Rumsfeld mit diesem militärischen Unternehmen von dem Niedergang der US-Wirtschaft und ihren eigenen schmutzigen Geschäften ablenken wollen, offenbart die Mißachtung internationaler Vereinbarungen (Kyoto-Protokoll, internationaler Strafgerichtshof, Biowaffenkonvention, Abrüstungsvertrag mit Rußland) eigentlich ihre Schwäche, denn sie können es sich bei ihrer defizitären Wirtschaft nicht leisten, solche Verträge einzuhalten. Übrigens sollte wegen des archaischen Superstaates und der "verspäteten" Sklaverei auch über die historische Rückschrittlichkeit der USA als politisches Gebilde gesprochen werden, und den Mythos vom Pioniergeist nicht überstrapazieren.
Somit ergibt sich folgendes Bild: eine insolvente Großmacht baut einen waffenstarrenden Zaun um ihre Firma und stellt Rambos davor, sowohl um die Gläubiger abzuschrecken, als auch um sich durch Raubzüge auf fremdem Territorium mit dem nötigsten zu versorgen. Aber auf die Idee, statt dessen für ihren eigenen Lebensunterhalt zu sorgen, kommen sie nicht - ich hoffe mal, daß die US-Aktien nach dem Krieg noch weniger wert sind. Das soll allerdings nicht heißen, daß ein Zusammenbruch der US-amerikanischen Ökonomie zu wünschen wäre, aber ihre Vorherrschaft muß gebrochen werden, denn das rechtliche, wirtschaftliche und politische Abenteurertum dieser Cowboydemokratie ist nicht geeignet die globalen Verhältnisse zu organisieren. Und das Medienkartell ist nicht geeignet die notwendigen kritischen Informationen bereitzustellen, sondern vielmehr ein Hindernis für die Entstehung einer breit angelegten Diskussion und Widerstandes. Deshalb wünsche ich mir von allen politischen Aktivisten außerhalb der Institutionen und des Medienkartells ein reifliches Überlegen und endlich wieder einen Diskurs, der weder ökonomistisch eingeschränkt (zB.Krisis) noch auf die Programme der Kleinstparteien
reduziert ist, und der alle Bereiche des menschlichen Seins, wie Kunst, Kultur, Religion, Politik, Wirtschaft, umfaßt. Es ist ernst, laßt uns reden, lesen, zuhören, schreiben, ich biete meine Mitarbeit an.
Herrmann Cropp
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